Druckschrift 
Abdias
Entstehung
Seite
12
Einzelbild herunterladen
 

auf immer von ihm ab; denn nur die Stimme, die sie gekannt hatte, hatte er nach Hausegebracht, nicht aber die Gestalt,-und wenn sie auch oft auf den gewohnten Klang plötz-

lich hin sah so kehrte sie sich doch stets wieder um, und ging aus dem Hause; sie hattenur leibliche Augen empfangen, um die Schönheit des Körpers zu sehen, nicht geistige, die desHerzens. Abdias hatte das einst nicht gewußt; denn als er sie in Balbek erblickte, sah er auchnichts, als ihre große Schönheit, und da er fort war, trug er nichts mit, als die Erinnerungdieser Schönheit. Darum war für Deborah jetzt Alles dahin. Er aber, da er sah, wie esgeworden war, ging in seine einsame Kammer, und schrieb dort den Scheidebrief, damit er fertigsei, wenn sie ihn begehre, die nun von ihm gehen würde, nachdem sie so viel Jahre bei ihmgewesen war. Allein sie begehrte ihn nicht, sondern lebte fort neben ihm, war ihm gehorsam,und blieb traurig, wenn die Sonne kam, und traurig, wenn die Sonne ging. Die Nachbarnaber belachten sein Angesicht, und sagten, das sei der Aussatzengel Jehova's, der über ihngekommen wäre, und ihm sein Merkmal eingeprägt habe.

Er sagte nichts und die Zeit schleifte so hin.

Er reifete fort, wie früher, kam wieder heim, und reifete wieder fort. Den Reichthumsuchte er auf allen Wegen, er trotzte ihn bald in glühendem Geize zusammen, bald verschwen-dete er ihn, und wenn er draußen unter den Menschen war, lud er alle Wollüste auf seinenLeib. Dann kam er nach Hause und saß an manchen Nachmittage hinter dem hochgethürm-ten Schutte seines Hauses, den er gerne besuchte, neben der zerrissenen Aloe, und hielt seinbereits grau werdendes Haupt in beiden Händen. Er dachte, er sehne sich nach dem kalten feuch-ten Welttheile Europa, es wäre gut, wenn er wüßte, was dort die Weisen wissen, und wenn

er lebte, wie dort die Edlen leben.-Dann heftete er die Augen auf den Sand, der vor

ihm dorrte und glizzerte und blickte seitwärts, wenn der Schatten der traurigen Deborahum die Ecke einer Mauertrümmer ging, und sie ihn nicht fragte, was er sinne. Aber eswaren nur flatternde Gedanken, wie einem, der auf dem Atlas wandert, eine Schneeflocke vordem Gesichte sinkt, die er nicht Haschen kann.

Wenn Abdias nur erst wieder hoch auf dem Kameele saß, mitten in einem Trosse, be-fehlend und herrschend: dann war er ein anderer und es funkelten in Lust die Narbenlinienseines Angesichtes, die so unsäglich häßlich waren, und daneben glänzten in Schönheit diefrüheren Augen, die er behalten hatte, ja sie wurden in solchen Zeiten noch schöner, wennes um ihn von der Wucht der Menschen, Thiere und Sachen schüttelte wenn sich dieGröße und Kühnheit der Züge entfaltete, und er mit ihnen ziehen konnte, gleichsam wie einKönig der Karawanen; denn in der Ferne wurde ihm zu Theil, was man ihm zu Hause entzog:Hochachtung, Ansehen, Oberherrschaft. Er sagte sich dieses vor und übte es recht oft, damit eres sähe und je mehr er befahl und forderte, um so mehr thaten die Andern, was erwollte, als wäre es eben so, und als hätte er ein Recht. Obwohl er säst ahnete, daß es hierdas Gold sei, welches ihm diese Gewalt gebe, so hielt er sie doch fest und ergötzte sich in ihr.