Schweiz wirst Du nicht Theil nehmen." Paul weinte sehr, und die Tante eiltehinaus, denn auch ihr kamen die Thränen in die Augen.
Schon nach einigen Tagen wurden die Anstalten zur Ferienreise getroffen.Reinhard wollte zunächst mit seiner ganzen Familie eine Tour durch das südlicheBaiern, dann durch Salzburg und Tyrol machen und den übrigen Theil der Ferienin der Schweiz zubringen. „Paul muß zu Hause bleiben!" sagte der Vater ent-schieden und ließ sich von diesem Entschlüsse nicht zurückbringen. „Nun," sagte dieTante, „so bleibe ich auch zu Hause, denn ich will den Jungen nicht fremden Leutenanvertrauen." — „Wie Du willst," sagte der Richter; „Paul muß lernen, damitnicht Zeit und Geld unnütz verloren gehen. Dabei bleibt es!" — Die Verstimmungwar allerdings sehr groß; doch endlich kamen die alten, freundlichen Gesichter wiederzum Vorschein. Nach ernstlicher Berathung wurde denn beschlossen, daß die Tantemit Paul vorläufig Zurückbleiben sollte; und wenn Paul sich recht anstrenge, dannsollte er mit der Tante noch Nachkommen. Die Schwester Reinhards brachte gerndieses Opfer, denn sie mußte es sich im Stillen sagen, daß sie mit schuld daransei, daß Paul so manche freie Stunde nutzlos verschleudert hatte. Der Tag derAbreise kam. Tante Helene und Paul begleiteten die Eltern und Geschwister zumBahnhofe. Ach, wie wurde dem Paul der Abschied so schwer! Er gelobte sich jetztim Stillen, recht fleißig zu sein und den guten Vater nicht mehr zu betrüben.Weinend kehrte er mit der Tante nach Hause zurück, die ihn zu trösten suchte undihn ermahnte, die Rechenstunde recht fleißig zu benutzen, damit sie Beide bald nach-reisen könnten. — Der Vater hatte eine gute Wahl getroffen für den Rechenunter-richt, denn ein tüchtiger Volksschullehrer hatte die Nachhülfe übernommen. DerLehrer fand sehr bald, wo es fehlte. Paul konnte und wußte alle Regeln aus-wendig, aber die Anwendung, das praktische Rechnen, verstand er nicht. Es galthier tüchtig üben, und nicht etwa täglich eine Stunde, nein mehrere Stunden mußtePaul sich mit dem Rechnen beschäftigen. Auch Tante Helene war ihm behülflich,jede Aufgabe mit richtigem Verständniß aufzulösen. So kam er denn bei redlichemFleiße täglich weiter.
Von den Reisenden kamen häufig Briefe an, und der Vater erkundigte sichimmer nach Paul und nach seinen Fortschritten. Wenn nun die Schwestern mit-theilten, wie sie so manches Schöne gesehen, wie herrlich es sei, in den Gebirgenzu wandern und auf den Matten der Alpen frische Milch zu trinken; so wurde esdem armen Paul warm, und er hatte Mühe, die Thränen zurückzuhalten. — Somochten etwa drei Wochen vergangen sein, als der Lehrer erklärte, Paul würdehoffentlich in der Nachprüfung bestehen, wenn er sich nunmehr fleißig üben wollte.Die Tante bestand aber darauf, daß der Unterricht noch fortgesetzt würde. EinesTages war Paul zum Unterricht gegangen und die Tante wartete vergeblich auf ihn,obgleich Mittag längst vorbei war. Sie sandte eine Magd zu dem Lehrer und ließsich nach Paul erkundigen. Zu ihrem Schrecken erfuhr sie, daß derselbe heute garnicht bei ihm erschienen sei. Wer beschreibt die Angst und die Verlegenheit der gutenTante! Augenblicklich machte sie sich auf den Weg, den verlorenen Liebling aufzu-suchen. Endlich fand sie ihn auf dem Perron des Bahnhofes. „Paul! Paul!" rief