dem Blatt Geschichte. Wer gibt mir das Wort für die Armut anGeist, für die Schwäche an Empfindung, die man an die Stelle desalten Reichtums, der alten Stärke gesetzt? O, diese öden langenFenster, 'n paar nebeneinander, 'n paar übereinander mit gothischsein sollenden Zickzacklinien eingefaßt — es ist einfach „Fieß."
8. 9. Haus Steinpfunders bei Kempen.
Wenn wir der modernen Stadt mit ihrer Mache voll Ekel undUeberdruß entflohen sind und wir treffen da draußen so ganz uner-wartet auf ein Meisterwerk vergangener Tage, welch schöner Lohn istdas für die Anstrengung der Wanderung, welche Erquickung für dieschönheitsdurstigen Sinne nach wochenlanger Entbehrung! Da habensie eins mitten im dicken Walde errichtet vor etwa dreieinhalbhundertJahren, ein Bauwerk, wie wir's in unseren Städten an Gediegenheitund Kunstfertigkeit, geschweige denn künstlerischem Ausdruck, schwerlichwieder finden. Es stellt eine innige Mischung altfränkischer und ba-tavischer Art dar. Wie ist es möglich, fragt man sich unwillkürlich,daß die Sinne der Menge so verblödet sind, daß sie achtlos an solchemMeisterwerk vorübereilt, statt voll Andacht zu ihm hin zu wallfahrten! ?Von seinem Dasein nicht mal weiß!
Und es bietet sich doch an wie ein aufgeschlagen Buch. Man wähnteinen Roman zu lesen, wenn man den künstlerischen Ausdruck, diebildlichen und sinnbildlichen Darstellungen in Ruhe auf sich einwirkenläßt. Ich las:
Ein adeliger Rheinfranke, ein bärtiger Greis, errichtete es seinenKindern zu lieb, seiner Tochter und seinem Schwiegersohn und ausFreude über die engste Vereinigung zweier alter befreundeter Ge-schlechter. Deshalb sollte nach des Alten Sinn eine festliche Halle dieHauptzierde des Hauses bilden; Die Kinder jedoch waren anspruchs-loser, sie teilten die Halle in eine geräumige Diele und eine gemütliche„Hutschkarnmer." Ein Hallenfenster ward zugemauert und das anderezu einem allerliebsten Erker für die junge Frau ausgebaut. Obenliegen die Schlafkammern für die Herrschaften und das Hausgesinde.Wie spiegelt sich die Wohnlichkeit dieser Räume schon von außen inihren niedlichen Fenstern wieder! Das Ganze krönt ein hohes schlichtesDach und zwei mächtig steigende Giebel, selbstbewußt, edel und feinwie das Geschlecht, das unter ihnen haust.
Wenn ihr hinkommt, versäumt ja nicht die Vollendung und Kunst-fertigkeit der Steinmetz- und Maurerarbeit zu bewundern. Beseht euchauch die Haustür, und, wenn's erlaubt ist, im Innern die Türen undvor allen Dingen die wundervoll gefügte Spindeltreppe. Hätten wirheute einen Treppenbauer, der das fertig brächte!