Druckschrift 
1 (1922) Buddenbrooks : Verfall einer Familie
Entstehung
Seite
61
Einzelbild herunterladen
 

Stuhl gelehnt. Johann Buddenbrook spähte, gestützt aufdie Löschstange, aufmerksam in das unruhige Halbdunkelhinein, um den Gesichtsausdruck des Sohnes zu erforschen.Die vorletzte Kerze war heruntergebrannt und von selbsterloschen; nur eine flackerte noch, dort hinten. Dann undwann trat eine hohe, weiße Figur ruhig lächelnd aus derTapete hervor und verschwand wieder.

„Vater, — dieses Verhältnis mit Gotthold bedrücktmich!" sagte der Konsul leise.

„Unsinn, Jean, keine Sentimentalität! Was bedrückt dich ?"

„Vater, ... wir haben hier heute so heiter beieinandergesessen, wir haben einen schönen Tag gefeiert, wir warenstolz und glücklich in dem Bewußtsein, etwas geleistet zuhaben, etwas erreicht zu haben ... unsere Firma, unsereFamilie aus eine Höhe gebracht zu haben, wo ihr An-erkennung und Ansehen im reichsten Maße zuteil wird .. .Aber, Vater, diese böse Feindschaft mit meinem Bruder,deinem ältesten Sohne .. Es sollte kein heimlicher Rißdurch das Gebäude lausen, das wir mit Gottes gnädigerHilfe errichtet haben ... Eine Familie muß einig sein, mußZusammenhalten, Vater, sonst klopft das Übel an die Tür..."

„Flausen, Jean! Possen! Ein obstinater Junge..."

Es entstand eine Pause; die letzte Flamme senkte sichtiefer und tiefer.

„Waö machst du, Jean?" fragte Johann Buddenbrook.„Ich sehe dich gar nicht mehr."

„Ich rechne", sagte der Konsul trocken. Die Kerzeflammte auf, und man sah, wie er gerade aufgerichtet undmit Augen, so kalt und aufmerksam, wie sie während desganzen Nachmittags noch nicht darein geschaut hatten,