iy6 Von mündl. und schristl. Unterricht.
können. Je mehr Abschriften von einem Buche verfer, !tigt worden sind, desto eher läßt sich vermuthen, daß !der ursprüngliche Text verdorben worden ist. Der Cri-tiker muß das Eigenthümliche der Sprache eines Ver-fassers und des Zeitalters überhaupt kennen, um zu ur-theilen, ob das Buch oder die einzelne Stelle damitharmonirt, oder nicht, ob eine Schreibart oder Ideen >darin verkommen, die erst in spätem Zeiten ausge-nommen sind, welches ein Zeichen von Neuheit oderUnächkhcit wäre. Was ferner dem Charakter einesSchriftstellers, seiner sonst geäusserten Meinung überpolitische, wissenschaftliche oder religiöse Gegenständewiderspricht, ist wahrscheinlich untergeschoben. Dieses 'gilt sowohl in Ansehung der Aechtheit einzelner Sä-he, als ganzer Bücher (und findet mit gehöriger Mo-difikation auck feine Anwendung bey der Critlk überneuere Schriften).
Je mehr Handschriften verglichen werden können,desto besser ist es. Die ältesten haben den meisten Glau-ben. Ueberhaupt kann hier vieles angewendet werden,was im vorigen Abschnitte von der Prüfung der Zeug«Nisse gesagt worden ist, weil die Abschriften als Zeugenvon dem ursprünglichen Texte anzusehen sind. Wenndie Varianten gesammelt sind, so werden sie gegenein-ander gehalten, und die, welche in den ältesten Manu-skripten, oder am öftersten in den früher» Vorkommen,und mit dem Styl, der Denkungsart des Schriftstellers,Verfassung seines Vaterlandes u. dgl harmoniren, wer-den vorgezogen. Durch Uebung wird nach und nacheine gewisse Fertigkeit erlangt, so daß man sich wenigerirret, als im Anfang. Aber immer werden auch hier-