50 Kameralwissenschaft.
suchungen in Deutschland beigelegt wurde, brachte ein höheres Interesse und einen höherenSchwung in die Kameralwissenschaft.
In Folge des Einflusses der Nationalökonomie stellte sich immer mehr heraus, daßsie hauptsächlich Wirth sch aftsv erhältn i sse zu ihrem Object habe. Zugleich ver-warf mit Recht die Staatswissenschaft jene frühere Unterordnung der Sicherheits-, Ge-sundheits- und Volksbildungspflege unter finanzielle Zwecke, als eine Verkehrung von Mit-tel und Zweck. Hieraus entwickelte sich eine verbesserte Gestalt der Kameralwissenschaft.Sie constituirte sich als Wi rthschaftslehre und schloß von sich alles Dasjenige aus,was bisher neben der Volkswirthschastspflege unter dem Namen der Polizei in sie ausge-nommen worden war. Die Sicherheits-, Gesundheits- und Volksbildungspflege mußteausfallen. Auch der fiskalische Geist, der früher die Wissenschaft mehr oder weniger be-herrscht hatte, mußte vvr einer bessern Einsicht aus ihr weichen. Nicht die Fülle der fürst-lichen Casse sollte ferner ihr Ziel und oberstes Princip sein, sondern die wirthschaftlicheWohlfahrt des Volks.
So umfaßt nun die Kameralwissenschaft nach ihrer jetzigen Ausbildung folgendeTheile:
1) einen allgemeinen, welcher die allgemeinen Grundsätze von der Erwerbung,Erhaltung und Verwendung des Vermögens enthält;
2) die Privatwirthschaftslehre, in welcher die technischen und wirthschaftlichen Be-triebsregeln der verschiedenen Erwerbszweige und die Regeln der Hauswirthschaft, d. h. derErhaltung und Verwendung des Erworbenen, dargestellt werden;
3) die Volkswirtschaftslehre oder Nationalökonomie;
4) die Volkswirthschastspflege und
5) die Finanzwissenschast.
Die Volkswirt!,fchaftslehre zeigt die innere Verbindung der einzelnen Ge-werbe untereinander und die aus dieser Verbindung für die Production, Vertheilung undVerzehrung des Volksvermögens entspringenden Resultate; dieVolkswirthschafts-pflege aber stellt die Einrichtungen und Maßregeln dar, welche das Gedeihen der Volks-wirthschaft bedingen und fördern, insofern diese Maßregeln die Kräfte der Einzelnen oderfreier Vereine übersteigen, oder aus Mangel an Gemeinsinn der Einzelnen von dem Organder bürgerlichen Gesellschaft, dem Staate, veranstaltet oder wenigstens überwacht werdenmüssen. Die Aufgabe der Finanz Wissenschaft endlich ist es, zu zeigen, wie die fürdie Staatszwecke erforderlichen wirthschaftlichen Güter auf die für die Volkswirthschaft amWenigsten drückende Weise zu erlangen und zu verwalten sind.
Ueber die Schriftsteller, welche um die systematische Anordnung und Ausbildung derKameralwissenschaft sich Verdienste erworben haben (Völlinger, Seeger, Schmalz, Fulda,Oberndorfer, Geier u. A.), vergl. die für sich verdienstlichen Schriften von Rau über dieKameralwissenschaft (Heidelberg, 1815), und Baumstark, kameralistische Encyklopädie(Heidelberg, 1835) S. 44 ff.
Die Kameralwissenschaft, als Inbegriff sämmtlicher auf das Wirthschaftswesen einesVolks sich beziehender Lehren, ist eine den Deutschen eigenthümliche Wissenschaft. Wasin England, Frankreich und Italien unter politischer Oekonomie verstanden wird, umfaßtnur einen Theil derselben, nehmlich die Volkswirthschaftslehre, in Verbindung mildenHauptgrundsätzen der in Deutschland abgesondert behandelten und wissenschaftlich weiterausgebildeten Volkswirthschastspflege und Finanzwissenschast, welche drei Wissenschaftenin der neueren Zeit auch in Deutschland unter dem Namen der „politischen Oekonomie"zusammengefaßt worden sind. Wenn gesagt worden ist, daß die Kameralwissenschaft eineden Deutschen eigenthümliche Wissenschaft sei, so will dieses natürlich nicht heißen, daßanderen Völkern die Landwirthschaftslehre, die technischen Wissenschaften rc. mangeln;dies stünde in Widerspruch mit den offenkundigsten Thatsachen: es fehlt ihnen nur ein dasganze Wirthschaftswesen umfassendes wissenschaftliches System. Auch in Deutschlandsind namentlich in der neueren Zeit die Landwirthschaftslehre, die Forstwissenschaft, dieTechnologie und die politische Oekonomie rc. selbstständig undunabhängig von einanderfortgebildet worden, und es könnte die Frage entstehen, ob überhaupt eine jene Lehren zu-