782 Norwegen (historisch und statistisch).
und allen den Eigenschaften, die einem Naturvolke ankleben. ^—Der Norwege ist meistvon mittler Größe, aber ungemein muskelkräftig, gewandt und biegsam (mit Ausnahmeder Fischer) und in allen Leibesübungen geschickt. — Jeder weiß mit dem Feuergewehrumzugehen, denn in jeder Hütte findet man Waffen zur Jagd des Bars, Wolfs, Renn-thiers und anderen Wildes. Die Jagd ist überall frei und kühnere Jäger wie bessereSchützen sind nicht leicht zu finden als unter den Gebirgsbewohnern. Jeder Landmannist auch Fischer, denn sein Lebensunterhalt muß zum Theil aus den Seen und Flüssen^genommen werden; so ist er auch Hirt und treibt seine Kühe und Ziegen als Senne überdie Gebirge, denn der Ackerbau kann ihn nicht genugsam beschäftigen. Es kommt nurauf seinen Wohnplatz an, ob er mehr Fischer, Jäger, Ackerbauer oder Hirt sein muß,aber er vereinigt meist alle diese Eigenschaften, und diese verschiedenen Thätigkeiten gebenseinem Körper eine besondere elastische Kraft, welche sich häufig in seiner schönen Gliede-rung und Lebensfülle ausdrückt.
Schlau im Handel, ist der Norwege immer geneigt, Vorthelle zu machen, wie erkann, aber sein Wort und sein Handschlag gelten ihm heilig und sehr selten findet derBruch einer gegebenen Zusicherung statt, mag ihre Erfüllung auch noch so unvortheilhaftsein. — Der Genuß des Branntweins hat sich in neuerer Zeit sehr gemindert, jemehr das Volk zur Einsicht und zum Gebrauch seiner politischen Freiheit gelangt; immeraber bleibt es eigenthümlich, daß vor zwei Jahren der Storthing einen Beschluß faßte,alle Brennereien zu verbieten und die Einfuhr von Branntwein und Spirituosen gänzlichzu untersagen. — Man sah bald ein, daß ein solches Gesetz nicht durchzuführen sei, undwird mit Recht der wachsenden Volksbildung die Beseitigung der Misbräuche und derFreiheit die Selbstbeschränkung und Beherrschung der Neigungen überlasten. Mäßig-keiksvereine und das Ansehen der Geistlichkeit bewirken sehr viel hierbei. — Die Geistlich-keit ist in Norwegen in hoher Achtung und greift durch ihre Stellung auch tief in das po-litische Leben des Staats, denn hier ist jeder Geistliche Wähler und wählbar. In seinemHause werden alle Gemeindeversammlungen gehalten, die Gerichtsversammlungen, dieWahlversammlungen, auch die Armen- und Schulpflege ruht in den Händen des Pfar-A rers, er ist bei allen öffentlichen Angelegenheiten die unentbehrliche Person. — Ein Volk,das meist in Natureinsamkeiten zwischen Felsen und Klippen wohnt, muß die religiöseGläubigkeit wohl strenger bewahren und wird so leicht seine einfachen ererbten Traditio-nen von dem Wesen der Göttlichkeit nicht durch den Skepticismus unserer Zeit und Auf-klärung anfechten lassen. — Die Norweger sind fromme Christen. In der elendestenHütte findet man Bibel und Gesangbuch, und wer irgend kann, wird Sonntags dieKirche besuchen und vielleicht 3 oder 4 Meilen beim schlechtesten Wetter zurücklegen. —>Trotz dieser Frömmigkeit ist die Zahl der unehelichen Geburten nicht gering in Norwegen,denn sie verhält sich wie 1 zu 14. — Die nächtlichen Besuche, welche in anderen Berg-ländern, wie in Tyrol, noch üblich sind, kommen auch in Norwegen vor, namentlich iminneren Lande, wo am Sonnabend jeder Bauerbursche sein Schätzchen in der Sennen-hütte aufsucht. — Uneheliche Kinder werden durch die nachträglich geschlossenen Ehen derEltern legitimirt, aber der wohlhabende Bauer wird sich selten entschließen können, dieEhe seines Sohnes mit der Tochter eines Besitzlosen zu gestatten. Die Bauernaristokratiehält solche Ehen unter ihrem Stande für eine große Schmach, und in diesem freien Landeherrscht zwischen Besitzenden und Besitzlosen eine kastenmäßigeAbtrennung, die häufig Ur-sache zu schweren Verbrechen wird. Die Ehe selbst ist in Norwegen sehr schwer zu lösen,Scheidungen kommen daher selten vor. Haben weltliche und geistliche Behörden vergeb-liche Sühneversuche gemacht, so wird ein Contract wegen Theilung der Güter und Er-ziehung der Kinder abgeschlossen, nach dessen Vollziehung der Amtmann eine Scheidungvon Tisch und Bett ausspricht, welche drei Jahre dauert, worauf erst, im Fall ein noch-maliger Sühneversuch miSglückt, eine völlige Ehescheidung beim Könige nachgesucht wer-den kann, der über jeden Fall zu entscheiden hat. Die Zahl der Ehen in Norwegen be-läuft sich auf 103,500, unter 1000 Einwohnern sind 322 verheirathet.
Wie die Religion mit dem politischen Recht verbunden ist, erweist sich, daß nurmit beigebrachtem Communionschein der Bürger sein bürgerliches Gewerbe anfangen