Hansa. 345
seeischen Verkehr wieder anzuknüpfen. Ihre Flaggen erschienen wieder, wie früher will-kommen, an fernen Küsten; neue Verbindungen thaken sich auf durch die Selbstbefreiungder ehedem spanischen und portugiesischen Colonieen Amerikas. Verträge mit überseeischenStaaten wurden geschlossen, unter verschiedenartigen Bedingungen, doch nirgends mitgeringerem Erfolg, als er den Unterhandlungen anderer deutschen Staaten gewahrt worden.Mehr als einmal gelang es auch, zu Gunsten der gestimmten deutschen Ausfuhr zu stipu-liren und mindestens diese Erinnerung an die frühere hansische Firma der „Handelsleutedes deutschen Reiches" zu erneuern. Ein Unerfreuliches aber bleibt auch bei den günstig-sten dieser Verträge: daß ein deutscher Staat oder Staatenverein nach dem andern zu denUnterhandlungen sich anschickt, daß nicht das ganze Deutschland seine Einheit und dasGewicht derselben geltend macht, daß nicht einmal ein gemeinsames Symbolsrechtalswenn man des deutschen Namens sich schämte) die Einheit des Bundes deutscher Nationzur Anschauung bringt. Was die Jsolirung bedeute, das haben die Städte besondersempfunden, als es galt, die Flußschifffahrt zu regeln und das Eisenbahnnetz zu vollenden.Zeugnis giebt die Klage des gestimmten deutschen Handelsstandes über die aus den deutschenStrömen noch lastenden Abgaben und der Schrei der Entrüstung, der durch ganzDeutschland ging, als Dänemark, das schon früher den Verkehr zwischen der Elbe undOstsee zu Gunsten des Sundzolls verkümmerte, den Versuch machte, Lübeck von jederEisenbahnverbindung mit Deutschland auszuschließen.
Ganz andere Dinge hatte man nach der Befreiung erwartet und war man zu er-warten berechtigt: daß nehmlich Deutschland seinem Handel nach Art anderer Reiche einekräftige und einheitliche Organisation geben werde. Der 19. Artikel der Bundesacte, selbstin seiner modisicirten Fassung, schien die ernste Absicht zu verheißen. Wie gänzlich dieseErwartungen getäuscht worden, weiß heutzutage jedes Kind. Nicht einmal über den Ver-kehr mit Lebensmitteln konnte man sich einigen. Weniger bekannt ist und doch in den publicir-ten Protokollen des Bundestags zu lesen, daß die Städte kvieder und wieder ihre Stimme er-hoben haben für die Erfüllung des 19. Artikels der Bundesacte, für die Einheit im Post-wesen, für gemeinschaftliche Consulate, für eine gemeinsame deutsche Flagge und fürderen Schutz gegen Unbill und Ungebühr auf hoher See. Vom Bunde, wie vom Reich,ging der deutsche Seehandel unbeschützt und unbeachtet. Endlich erklärte Preußen denBundestag geradezu für nicht geeignet, eine Einigung über die Handelsverhältniffe herbei-zuführen.
Das war zu einer Zeit, als Preußen bereits die Einzelversuche anderer Regierungenüberflügelt und die Aufgabe glücklich und ehrenvoll gelöst halte, durch Separatunter-handlungen unter einer Anzahl deutscher Bundesstaaten eine Vereinbarung über die Han-delszölle herzustellen. Es war ein großes, unter den Umständen kaum noch zu hoffendesund für Jeden, dem der Wohlstand des Vaterlandes am Herzen liegt, erfreuliches Er-gebnis. Bereits auch begann die öffentliche Stimme, den Namen des preußischen Zoll-vereins mit dem des deutschen zu vertauschen, und auf diesen^vurden die Hoffnungenübergetragen, welche man einst auf den Bundestag gesetzt hatte. Es ist nicht möglich, dieParallele zu verfehlen, welche sich von selbst zieht zwischen der jetzigen Stellung desZollvereins und der einstigen Stellung der Hansa. Weil das Reich Nichts that,vertrat die deutsche Hanse, so gut es ging, die allgemeinen Interessen. Weil der BundNichts thut, vertritt sie der deutsche Zollverein, so gut es geht. Die Hegemonie Lübecksin der Hansa, die Hegemonie Preußens im Zollverein ist Selbstfolge der großartigen,mit Anstrengung und Opfern verbundenen Initiative.
Von nun an aber beginnt auch eine Eontrovers, die von der öffentlichen Presse miteiner kaum früher erhörten Vehemenz geführt worden, und eine Reihe von Angriffen,welche an das Bitterste erinnern, was jemals im 17. Jahrhundert der Neid und im 18.der Misverstand gegen die Hansestädte vorgebracht hat. Warum sie denn, fragte manungestüm, von diesem großen vaterländischen Werk sich ausschließen wollten ? Und auch inden Hansestädten ist manches Wort gefallen, was die Hitze des Streites vielleicht entschuldigen,die ruhige Ueberlegung aber und der vaterländische Sinn niemals billigen kann. Es ist andem (und die Untugenden unserer früheren Jahrhunderte sind allerdings nicht gänzlich aus-