334 Hansa.
ganz natürlich, da ihm, dem Sohn und Vorkämpfer der Lübecker Demokratie, ungesuchtdie gleichen Sympathieen im fremden Land entgegenkamen? Wenn er nach einemPrätendenten für den schwedischen Thron sich umschaute, darf man ihm sein Zürnen überden Wortbruch des Schwedenkönigs verdenken, wäre es nicht vielmehr an dem Schwedengewesen, nicht zu versprechen, was er, ohne die Interessen seiner Heimath zu verleugnen,nicht halten konnte? Das Ueberraschendste bleibt wohl der Waffenstillstand, den Wul-lenweber 1534 mit den Niederländern abschloß; und doch rechtfertigt sich auch dieser durchdas Bedürfniß, die Niederlande und Dänemark zu trennen, des einen Gegners zeitweisesich zu entledigen, um inzwischen den andern zu erdrücken, vielleicht auch dem Zorn desKaisers auszuweichen und die stets angedrohte Intervention in Lübecks inneren Ange-legenheiten abzuwenden.
Die unglückliche Schlacht von Assens ist es nicht, welche den Sturz Wullenwebec'sund den Verzicht Lübecks auf die Ostseeherrschaft entschieden hat. Seitdem die Acten desHansatages von 1535 ans Licht gebracht sind (wir haben sie an dem in einer früherenAnmerkung bezeichnten Ort ausführlich nach dem bremischen Archiv dargestellt), läßt sichmit Bestimmtheit sagen: Wullenwebec's Stellung ward systematisch untergraben undsein Sturz herbeigeführt durch eine Coalition sehr verschiedener Parteien: erstens derConservativen, welche das aristokratische Regiment in Lübeck, der alten Ordnung unddes guten Beispiels wegen, hergestellt wünschten; zweitens der östlichen Bundesstädte,welche in Wullenweber den Vertreter und Vollstrecker einer ihnen so drückenden Schiff-fahrtsacte und Colonialpolitik haßten und verfolgten; drittens endlich der Gleich-gültigen und Aengstlichen, welche die Anstrengung scheuten und vor kühnen Entwürfenzurückbebten. Bemerkbar ist auch das Bemühen der schmalkaldischen Bundeshäupter,zwischen Lübeck und dem protestantischen König von Dänemark, Christian III.,zu vermitteln, damit nicht die Streitkräste, über welche die Reformation verfügen konnte,durch andere Interessen getrennt und zwiespältig bleiben möchten. Ein so seltner undmächtiger Mann wird nicht einfach bei Seite geschoben, er wird geopfert. WelcheKünste sind ausgeboten, um ihn mit dem tollen communistischen Treiben der Wie-dertäufer in eine scheinbare Beziehung zu bringen und den Fanatismus gegen ihn zu be-waffnen ! Die wiederhergestellte Partei seiner Feinde im alten Rath von Lübeck überließihn der Rache der Junker und der Pfaffen. Er trug die Martern und starb den Tod einesgemeinen Missethäters. In seiner Brust gingen die letzten kühnen Gedanken des Hansa-bundes zu Grabe. Er war der letzte deutsche Staatsmann, der ein System selbststän-diger Handels- und Schifffahrtspolitik auf der Grund läge derSee-macht auszusühren gestrebt hat.
III. Die Zeit der Einbußen und der Auflösung: 1535—1648. Sovereinzelt, wie Lübeck am Schluß des vorigen Zeitraums stand, möchte es fast scheinen,als ob wir nur die widrigen Schicksale einer Stadt zu schildern gehabt >— dazu noch einerStadt, die gutentheils für ihre Sonderinteressen gekämpft und in diesem Streit unter-legen. Aber Nichts könnte irriger sein als diese Auffassung. Das deutsche Reichhatte keinen Seehandel als den, welchen die Hansa trieb; dieser Seehandel hatte keinenSchutz, als den ihm der Städtebund gewährte; der Städtebund war nur mächtig, solange Lübeck mit fester Hand und hohem Sinn seine Macht zusammenhielt und lenkteund, im Verein mit sehr wenigen Genossen, die größten Anstrengungen bestritt, ohneandere Wiedervergeltung, als die ihm durch seine Vorrechte, durch die Bevorzugung,wenn man will, seiner Sonderinteressen zu Theil ward. Danach mag man ermessen,ob die Schwächung Lübecks aus den Bund, ob die Auflösung des Bundes aus die deutschenInteressen zurückwirken mußte, und ob der Fehler zumeist an Lübecks Eigensucht, oderan der Verfassung des Städtebundes, oder ob e.r vor Allem an der deutschen Reichsver-fassung lag.
So mag denn dem vaterländischen Gefühl wohl unheimlich werden bei der Aufschrift,welche wir diesem dritten Zeitraum voranstellen mußten. Doch sollen wir auch seine