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Historisches Recht.
oder passendem Zusammenhänge mit den alteren, als gut befundenen und darum bei-behaltenen Gründungen stehen. — Dagegen aber wird der Freund des historischenRechts oder der Re actio n das System der Reformen gleichfalls nützlich annehmen undmit den demselben abgeborgten Phrasen selbst den starrsten Widerstand gegen ver-nunftrechtliche Neuerungen beschönigen können. Alles, wird er sagen, was nicht ab-geschafft werden kann, ohne Widerstand aufzuregen oder Beschwerden hervorzurufen, stelltsich eben dadurch als noch lebenssrisch oder zum lebendigen Fleische gehörig dar; und sollteauch bei einer oder der anderen Einsetzung des historischen Rechts einige Abnahme der Kraftgegen frühere Zeiten zu bemerken sein, so mögen Heilmittel dieselbe wiederherstellen. Jeden-falls wollen wir Nichts übereilen. Mit Vorsicht und Behutsamkeit, ohne Antastungirgend welcher Rechte und Interessen, ohne Störung des Friedens oder der Zufriedenheit,also nur allmalig, nach hinreichender Vorbereitung und mit allseitiger Einwil-ligung sollen die Reformen stattsinden, d. h. also im Grunde: sie sollen gar nicht statt-sinden, sondern die Aussicht auf ein nimmer zu erreichendes, weil vor dem sich Näherndenstets gleichmäßig zurückweichendes Ziel soll die einzige Befriedigung der Nationen sein.
Das System der Reformen als ein Zwittersystem, geeignet nicht zur Ver-söhnung, sondern nur zur Verschleierung der entgegengesetzten Tendenzen und anund für sich principlos, weil Recht mit Bestand, Vecnunftmäßigkeit mit Lebenskraft ver-wechselnd, weisen wir entschieden zurück. Auch sind seine Anhänger größtentheils ent-weder blos verkappte Reactionsmänner, die aber doch — aus Scheu vor der öffentlichenMeinung — die Stirn nicht haben, sich ganz offen und unbedingt gegen jede Verbesse-rung im Sinne des Vernunftrechts zu erklären, oder zwar gutmüthige, aber schwacheMenschen, die da gern in Ruhe und in Frieden mit der ganzen Welt lebten, vor jedemAufbrausen und jeder Bewegung zittern, den schönen Versprechungen der schlauen Gegnertrauen, die eitle Hoffnung auf eine bessere Zukunft als Ersatz für eine gedrückte Gegen-wart hinnehmen und, in unklaren Begriffen befangen, an die Möglichkeit der Verein-barung von Entgegengesetztem, an die Möglichkeit aufrichtiger Versöhnung zwischenReaction und Revolution glauben. Dieses einschläfernde, bethörende, in alle Ewigkeitnicht zum Guten führende System der Reformen hat vor Allem in Deutschland großenAnhang gesunden, eben weil bei uns die Gutmütigkeit vorherrscht und weil es bequemist, der schwierigen oder bedenklichen Wahl zwischen Entgegengesetztem durch Ergreifungeines Mittelweges auszuweichen, gestützt auf den der Mittelmäßigkeit zusagendenGemeinplatz: ir> meck io virtiis et veritss.
Wohl sagen auch wir uns los von entgegengesetzten Verirrungen und Ue Ver-treibungen und suchen zwischen beiden die rechte, solchergestalt den Weg der Wahr-heit und des Rechts bezeichnende Mitte. Zwischen diesem Wege aber und irgend einemanderen, der dann nicht mehr der rechte sein kann, ist uns jeder Vergleich verhaßt. Istalso die Frage: was wir höher schätzen, das vernünftige oder das historische Recht,'wel-chem von beiden wir also die oberste Herrschaft wünschen; so ist unsere Antwort kurz undentschieden: dem Vernunftrechte. Ueberall also, wo das historische Recht dem ver-nünftigen widerstreitet, soll jenes weichen, also abgeschafft oder mit dem vernünf-tigen und Mit dem Gemeinwohls in Uebereinstimmung gesetzt werden; das vernünftigeRecht dagegen bedeckt mit seiner Aegide aüch das historische, welches ihm befreundet oderentsprechend ist; aber es soll nie und nirgends seine ewigen Ansprüche einem unlauterenhistorischen zu Liebe aufgeben.
Hiernach bekennen wir uns nicht nur zum Princip der Revolution in dem früherdavon aufgestellten Sinne, nehmlich Kampf des vernünftigen Rechts gegendas ihm widerstreitende historische (versteht sich ein nur aus dem Wege desRechts und des Gesetzes zu führender, von Verkehrtheiten, Ausschweifungen undFanatismus freier, eben weil vernünftiger und im Dienste des vernünftigen Rech-tes zu führender Kampf), sondern wir bekennen uns noch weiter zum Radicalis-mus, d. h. zu dem die völlige Erreichung des Zieles, also die vollkommeneHerrschaft des Vernunftrechtes sich zur Aufgabe setzenden Systeme, und tretenhiernach dem Conservatismus, d.h. dem schlechthin die Erhaltung alles Bestehenden,