12 Hippolytus a Lapide.
kehrte mechanische Ansicht von dem lebendigen Staat und durch die Vermischung der Re-gierungsform mit der Verfassung verleiten. Sie erkannten mit Recht, daß zum Weseneines vernünftigen Staats und Staatslebens eine höchste, harmonisch handelndeRegierung nöthig ist. Aber sie waren darin sehr einseitig, daß sie es übersahen, daß alleRegierung nur des Volks und der Verfassung wegen da ist, und daß es vor Allem auchnötbig ist, daß die Regierung verfassungsmäßig, vernünftig und rechtlich regiere; undsie irrten darin, daß sie für diese Harmonie und Vernünftigkeit und Rechtlichkeit und fürdie stete Durchführung dieses vernünftigen Staatswillens in einer mechanischen absolutenZwangsgewalt einer einfachen monarchischen oder aristokratischen oder demokratischen Re-gierung oder höchsten Gewalt und nur in ibr eine vollständige und genügende Bürgschaftzu erhalten glaubten. Nun lehrt aber die ganze Geschichte wie die Natur der Sache, daßdieses ein Grundirrthum ist. Diese einfachen absoluten Regierungsgewalten haben tau-sendmal das Unvernünftige, sie haben das für Recht und Freiheit und Staat Zerstörendebeschlossen. Die Absolutheit der Gewalt selbst verführt sie gerade dazu. Die von derRegierung verschiedene Verfassung oder die Rechtlichkeit und Vernünftigkeit desStaatszustandes, um deretwillen allein die Regierung, als das Mittel ihrer Erhaltung,da ist, hat gegen ihre rechtlose unvernünftige Willkür keine kräftige Vertretung und Schutz-webr. Auch haben sie endlich theils in ihrem eigenen Schooße, in den Regierungsbeamten,in den aristokratischen oder demokratischen Mitregenten, theils in dem Widerstande der Sol-daten und Bürger sehr häufig unüberwindliche Hindernisse der Durchführung eines har-monischen freien Regierungswillens gefunden. Eine ungleich bessere Bürgschaft wenig-stens für die Vernünftigkeit und Rechtlichkeit des Staatswillens und seine Durchführunggiebt eine tüchtige britische gemischte Verfassung, mit angemessenem Zusammenwirkenverschiedener, möglichst allen vernünftigen und rechtlichen Hauptinteressen und Haupt-grundsätzen des Staats angemessener Organe. Sie wirken zusammen in einem idealenhöchsten Gescynmtwillen, welcher durch die gemeinschaftlich beschworene Verfassung unddurch die lebendige allgemeine Vaterland- und sreiheitliebende Nationalqesinnung undöffentliche Meinung kräftig ausgesprochen und verbürgt wird. Für diesen höchsten, durchdie Verfassung und jene öffentliche patriotische Gesinnung und Meinung bestimmten Ge-sammtwillen wirken dann, so lange Lebenskraft des Staates da ist, die einzelnen selbst-ständigen Organe jedes in seiner verfassungsmäßigen Weise zusammen, wie ja auch dieebenfalls nothwendig-harmonische Lebensthätigkeit des einzelnen Menschen von verschiede-nen selbstständigen Organen ausgeht, so lange seine Lebenskraft dauert.
Von der Verkennung nun dieser lebendigen organischen Natur des Staats, als einerOrganisation des Volkes oder des vernünftigen freien Nationallebens, seines Grundgesetzesund Endzwecks, von welcher die Zersplitterung und das Absterben desdeutschen Reichsstaats und all unser Unglück, von welcher auch un-sere eben kaum ab'gewendete furchtbare fremde Unterjochung und Zer-stückelung und unsere erschreckende Unsicherheit bis auf den heutigenTag aus gingen, gehen auch die genannten beiden geistreichen Reformatoren aus.Deshalb mußten ihre Beurtheilungen des Bestehenden wie ihre Mittel der Abhelfung ver-kehrt werden. Der wahre Hauptschaden der deutschen Reichsverfassung und das Haupt-mittel der Abhilfe, woran doch früher und noch zur Zeit des Kaisers Wenzel und zur ZeitFriedrich's des Dritten die besten Patrioten dachten, diese sielen ihnen nicht ein.Dieser Hauptschaden aber bestand darin, daß man dem Reiche jene höhere Lebenskraft einerfreiheit- und vaterlandliebenden kräftigen Nationalgesinnung und öffentlichen Meinungentzogen hatte. Sie und die wahre deutsche Freiheit gingen zu Grunde durch den Mangelder öffentlichen Theilnahme und Mitwirkung der Nation an dem Reiche. So wurde dieNation, der Adel, die Bauern, die Bürger selbstsüchtig, spießbürgerlich undunpatriotisch,und die Reichs - und Landesregierungen wurden es noch mehr und vergaßen über ihrenPrivatinteressen des Vaterlandes Wohl und Ehre, haderten gegeneinander, die Kaisergegen die Reichsstande, diese gegen den Kaiser. Sie verbanden sich mit den Fremden undgaben ihnen das Vaterland preis. Wer keine Mittel weiß und will, welche hier abhelsen,der möchte und mag nur schweigen! Alles Andere war und ist Plunder. Das deutsch«