300 Habsburger.
mern kamen endlich noch, seit 1526, zwei höchst wichtige Länder, nehmlich Böhmen undUngarn. Auch diese waren durch Heirath erworben worden, insofern als Ferdinand,der Bruder Kaiser Karl's, die Anwartschaft auf beide Kronen von der Schwester des letz-ten Königs, welche seine Gemahlin war, herlutete.
Diese große Ländermasse blieb allerdings nicht beisammen. Das Haus Habsburgtheilte sich nach der Abdankung Karl's 1556 in zwei Linien, in die deutsche und in diespanische. Die letztere bekam die Niederlande, Spanien, Neapel und Sicilien, Mai-land und die außereuropäischen Lander: sie ist aber bereits 1700 mit Karl 1l. ausgestor-ben. Die deutsche Linie, mit welcher wir es hier allein zu chun haben, behielt sämmt-liche deutsche Länder. Sie hat zwar im Lause des 17. Jahrhunderts Einiges verloren;so mußte sie 1621 die Lausitz an Eursachsen abtreten, 1618 einige Stücke im Elsaß,Sundgau und Breisach an Frankreich. Dafür aber wurde im 18. Jahrhundert Vielesgewonnen: 1713 im Utrechter und Rastadter Frieden Mantua; 1714 die spanischenNiederlande, Mailand, Neapel und Sicilien (welches letzter freilich 1735 wieder ver-loren ging), Pavia und Piaccnza; 1718 im Passarowitzer Frieden das Banat, Serbien,die Walachei bis an die Aluta, dis türkischen Antheile von Slavonien und Bosnien:Serbien und die Walachei gingen freilich im Belgrader Frieden von 1739 wieder ver-loren. Nichts desto weniger hinterließ Karl VI. bei seinem Tode 1740 seiner TochterMaria Theresia ein Gebiet von 10,200 sJMeilen: unter Leopold 1. (ch 1705) war dieösterreichische Monarchie nur 900 sDMeilen groß.
In der ersten Zeit von Maria Theresia's Regierung wurde nun allerdings Einigeseingebüßt: so 1742 und 1763 ein Theil von Schlesien und der Grafschaft Glaz an denKönig von Preußen, 1713 einige Theile von Mailand, die Herzogthümer Parma undPiacenza. Dagegen wurde erworben 1772 Galizien, Lodomerien und die Bukowina,das Jnnviertel und einige Parzellen in Deutschland, wie Octenau, Falkenstein, Tett-nang, so daß die gesummte österreichischeMonarchie zu einem Umfange von 11,680 ^Mei-len angewachsen war. Unter Franz I., in den unruhigen Zeiten der französischen Re-vvlutivnskriege, verlor die Monarchie wiederum sehr Vieles, nehmlich Mailand, Man-tua, die Niederlande, Tirol und Vorarlberg, Vorderösterreich, Westgalizien, einen Theilvon Ostgalizien, Salzburg und Berchtesgaden, das Jnnviertel, einen Theil vom Haus-ruckviertel, Kärnthen, Kcain, Görz, Triest: gewann aber bei dem allgemeinen Friedenalle diese Provinzen wieder, mit Ausnahme der Niederlande und Vordecösterreichs, underhielt dazu noch das venetianische Gebiet, Istrien, Dalmatien, Salzburg, Mailandund Mantua, die Salzwerke von Wieliczka und den Tarnopolec Kreis Galiziens. GanzOesterreich betrug nun 12,167 HjMeilen*).
Zu diesem umfassenden Besitzthum, das an Ausdehnung nur von einem einzigeneuropäischen Staate übertrvffen wird, an inneren Hülfsmitteln und Vortrefflichkeit derNatur aber keinem-ejwas nachgiebt, kam nun noch die deutsche Kaisecwürde, welcheseit dem Jahre 1437 fast ununterbrochen — nur 1742 — 1745 ist der Thron von ei-nem Baiern, Karl VII, besetzt gewesen — bei dem Hause Habsbucg geblieben ist. Auchdas war ein Glück, dessen sich keine andere Dynastie rühmen konnte. Denn kein einzi-ges deutsches Haus, von den Sachsen an bis zu den Luxemburger,, saß länger als ohn-gefähr ein Jahrhundert auf dem deutschen Kaiserthrone, während die Habsburger den-selben über vierthalb Jahrhunderte inne hatten.
Behält man nun.dieses im Auge und wirft man sodann einen Blick auf die geo-graphische Lage des habsburgischen Besttzthums, so stellt sich Einem unwillkürlich diegroße Aufgabe vor, zu welcher das Schicksal dieses Geschlecht berufen zu haben scheint.Es war eine doppelte- Einmal sollten die Habsburger, unterstützt durch eine Haus-macht, welcher kein anderes deutsches Fürstenhaus gleich kam, und durch einen jahrhun-dertelangen ununterbrochenen Besitz der Kaiserwürde, die Einheit Deutschlands erhalten,
*) Vergl. über den allmähllgen Anwachs der österreichischen Monarchie „Dr. Groß-Hoffinger, die Theilung Polens und die Geschichte der österreichischen Herrschaft in Ga-lizien. 1847." S. VIII —XXX.