Druckschrift 
Zur Familiengeschichte der Steiner im 17. Jahrhundert
Entstehung
Seite
14
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

— 14 —

beredete. *) Das Aufblühen der Gold- und Silberdrahtfabrik erweckte bald das Misstrauen derKatholischen, die fürchten mochten, dass die Steiner und ihr Anhang nach und nach einen zugrossen Einfluss erlangen könnten. Dies sollte wahrscheinlich verhindert werden und es scheint,dass man auf indirektem Wege das Haupt der Familie für die katholische Partei zu gewinnentrachtete; wenigstens wird berichtet, es sei eine gewisse Anzahl von Reformierten — wahrscheinlichLeute, die in dem Steiner'schen Geschäft ihre Nahrung fanden — von den Katholischen so starkbeeinflusst worden, dass sie schon versprochen hätten, zur römischen Kirche überzutreten, wennMelchior Steiner ihnen mit seinem Beispiel voranginge. 2 ) Steiner aber wollte, als überzeugungs-treuer Protestant, von einem solchen Abfall, obgleich er ihm grosse Vortheile gebracht hätte, durchausnichts hören. Das mochte die Gegensätze zwischen ihm und den Katholischen so verschärft haben,dass es nur eines geringfügigen äussern Anlasses bedurfte, um die Spannung in offene Feind-seligkeit umschlagen zu lassen. Die geschäftlichen Verwicklungen Steiners scheinen dafür einenguten Vorwand geboten zu haben. Es schwebte nämlich schon seit geraumer Zeit zwischen ihmund den Herren von Luzern ein Prozcss, der sich aut Steiners Salzhandel bezog; er war alsoauch der Schuldner der luzernischen Regierung geworden, welche jetzt eifrig auf Executlon drang.Nun liegt die Vermuthung nahe, dass man diesen Umstand benützt habe, um auf Steiner einengewissen Druck auszuüben. Hätte er sich zum Uebertiittc bequemt, so wäre jene Execution,von der die Akten erzählen und die einem Ueberfall sehr ähnlich sieht, vielleich ganz unterblieben.(Es ist noch ein Bericht über die Abreise der Steiner aus dem Toggenburg vorhanden, durch welchendiese Auffassung sehr an Wahrscheinlichkeit gewinnt.) Doch gelang es dem alten Salzherrn noch imletzten Augenblick, mit Hinterlassung seiner Familie, halbangekleidet zu entfliehen. Er begab sichnach Embräch, wohin ihm seine Frau unmittelbar nachfolgte und von wo aus er sich unter denSchutz der zürcherischen Regierung stellte, in der Hoffnung, man werde sich seiner schon um derReformierten im Toggenburg willen annehmen.

Aber die Regierung fühlte vor der Hand kein Bedürfniss diesen Erwartungen Steinersentgegenzukommen. Beide standen sich noch als alte Gegner gegenüber. Der ehemalige Salzherrwurde daher auf dem Rathhaus zu Zürich in Untersuchungshaft zurückgehalten. Er sollte zurVerantwortung gezogen werden. Im Laufe von sechs Wochen wurden von den Rathsherren fünf„Examina" mit ihm angestellt, Steiner hatte schon das fünfzigste Altersjahr zurückgelegt, als erdiese Demüthigung erfahren musste. Seine leidenschaftliche Hartnäckigkeit, sein immer lebendigerWiderspruchsgeist schienen endlich durch die vielfältigen Heimsuchungen der letzten Jahre gebrochenzu sein. Er war nachgiebig und reumüthig gestimmt; er begann sogar an der Berechtigung seinerForderungen an den Stand Zürich zu zweifeln und warf schliesslich die ganze Angelegenheit inden „Schooss der Richter". Seine Supplikation ist in einem durchaus bescheidenen und ergebenenTon gehalten. Er spricht darin von seinem unerschütterlichen Vertrauen auf die Barmherzigkeitder Regierung und fährt dann fort: „Von desswegen hab' ich unangesehen vorhargegangener,auss verirrtem Gemüet und eilendem Zustand meiner zu Trümmeren gefallner Sachen hargeflossnerFehleren und Verdriesslichkeiten, gleichwol meinen Muth nicht sinken lassen: Sondern als einverlohrner aber wider gefundener meine letste Zuflucht zu Euer Gnaden und Weisheit vätterlich

') Unsere Chronistin gibt als Datum der Uebersiedelung der Steiner nach dem Toggenburg dasJahr 1684 an; aus den vorhandenen Akten geht aber hervor, dass sie schon 1080 Bichwyl verlassen musste.Melchior Steiner wird bereits 1H77 als Einwohner von Bichwyl erwähnt.

2 ) Die Chronik, die das Unglück Steiners auf rein confessionelle Ursachen zurückzuführen sucht,will wissen, dass vier von seinen katholischen Arbeitsleviten zur reformierten Kirche übergetreten seien.