Element in sich aufzunehmen. Es ist sehr schwer, zubestimmen und zu unterscheiden, wie weit die großenMänner einem Volkscharakter ihr Gepräge aufdrük-ken, ihn vorbildlich formen — und wie weit sie selbstbereits seine Personifikation, sein Ausdruck sind. Ge-wiß ist, daß das Verhältnis des deutschen Gemütes zurPolitik ein Unverhältnis, ein Verhältnis der Unberu-fenheit ist. Es äußert sich das historisch darin, daß alledeutschen Revolutionen fehlschlugen: die von 1525,die von 1813, die 48er Revolution, die an der poli-tischen Hilflosigkeit des deutschen Bürgertums schei-terte, und endlich die von 1918. Es äußert sich aberauch in dem plumpen und sinistren Mißverständnis,dem die Idee der Politik bei den Deutschen so leichtverfällt, wenn der Ehrgeiz sie antreibt, sich ihrer zubemächtigen.
Man hat die Politik die „Kunst des Möglichen“ ge-nannt, und tatsächlich ist sie eine kunstähnlicheSphäre, insofern sie, gleich der Kunst, eine schöpfe-risch vermittelnde Stellung einnimmt zwischen Geistund Leben, Idee und Wirklichkeit, dem Wünschens-werten und dem Notwendigen, Gewissen und Tat,Sittlichkeit und Macht. Sie schließt viel Hartes, Not-wendiges, Amoralisches, viel von „expediency“ undZugeständnis an die Materie, viel Allzumenschlichesund dem Gemeinen Verhaftetes ein, und schwerlichhat es je einen Politiker, einen Staatsmann gegeben,der Großes erreichte und sich nicht danach hätte fra-