Durch Nietzsches Ästhetizismus, der eine rasche Verleug-nung des Geistes ist zugunsten des schönen, starken undruchlosen Lebens, die Selbstverleugnung eines Menschenalso, der tief am Leben leidet, kömmt etwas Uneigentliches,Unverantwortliches, Unverlässiges und Leidenschaftlich-Gespieltes in seine philosophischen Ergüsse, ein Elementtiefster Ironie, woran das Verständnis des schlichterenLesers scheitern muß. Was er bietet, ist nicht nur Kunst, —eine Kunst ist es auch, ihn zu lesen, und keinerlei Plump-heit und Geradheit ist zulässig, jederlei Verschlagenheit,Ironie, Reserve erforderlich bei seiner Lektüre. WerNietzsche „eigentlich" nimmt, wörtlich nimmt, wer ihmglaubt, ist verloren. Mit ihm wahrhaftig steht es wie mitSeneca, den er einen Menschen nennt, dem map immer seinOhr, aber niemals „Treu und Glauben" schenken sollte.Sind Beispiele nötig? Der Leser des „Fall Wagner" etwatraut seinen Augen nicht, wenn in einem Brief an den Mu-siker Carl Fuchs vom Jahre 1888 plötzlich zu lesen ist:„Das, was ich über Bizet sage, dürfen Sie nicht ernst neh-men; so wie ich bin, kommt Bizet tausendmal für midinicht in Betracht. Aber ais ironische Antithese gegen Wagnerwirkt es sehr stark ..." Das bleibt übrig, „unter uns" ge-redet, von dem verzückten Loblied auf „Carmen" im „FallWagner". Es ist verblüffend, aber es ist noch gar nichts. Ineinem anderen Brief an denselben Adressaten gibt er Rat-schläge, wie am besten über ihn als Psychologen, Schrift-steller, Immoralisten zu schreiben sei: nämlich nicht urtei-lend mit Nein und Ja, sondern diarakterisierend in geistiger'Neutralität. „Es ist durchaus webt nötig, nicht einmalerivünsdbt, Partei dabei für mich zu nehmen: im Gegenteil,
i
47