Es ist merkwürdig genug, obgleich wohl verständlich, daßdie erste Form, in der der europäische Geist gegen die Ge-samtmoral des bürgerlichen Zeitalters rebellierte, der Ästhe-tizismus war. Nicht umsonst habe ich Nietzsche und Wildezusammen genannt — als Revoltierende, und zwar imNamen der Schönheit Revoltierende gehören sie zusammen,möge auch bei dem deutschen Tafelbrecher die Revolte un-geheuer viel tiefer gehen und ungeheuer viel mehr an Lei-den, Entsagung, Selbstüberwindung kosten. Bei sozialisti-schen Kritikern, namentlich russischen, habe ich wohl ge-lesen, die ästhetischen Aperfus und Urteile Nietzschesseien oft von bewundernswerter Feinheit, in moralisch-politischen Dingen aber sei er ein Barbar. Diese Distinktionist naiv, denn Nietzsches Verherrlichung des Barbarischenist nichts weiter als eine Ausschweifung seiner ästhetischenTrunkenheit/und allerdings verrät sie eine Nachbarschaft,über die wir allen Grund haben, nachzudenken: die Nach-barschaft eben von Ästhetizismus und Barbarei. Diese un-heimliche Nähe wurde gegen Ende des neunzehnten Jahr-hunderts noch nicht gesehen, gefühlt, gefürchtet, — sonsthätte Georg Brandes, ein Jude und liberaler Schriftsteller,den „aristokratischen Radikalismus" des deutschen Philo-sophen nicht als neue Nuance entdecken und Propaganda-Vorlesungen darüber halten können: ein Zeichen für dasdamals noch herrschende Sicherheitsgefühl, die Sorglosig-keit des zur Neige gehenden bürgerlichen Zeitalters, — einZeichen aber auch, daß der gewiegte dänische KritikerNietzsches Barbarismus nicht ernst, nicht eigentlich nahm,ihn cum grano salis verstand, — woran er sehr recht tat.
46