den könnte, keine Instanz, vor der das Leben sich sdhämenkönnte." Wirklich nicht? Man hat das Gefühl, daß docheine da ist, und möge es nicht die Moral sein, so ist esschlechthin der Geist des Menschen, die Humanität selbstals Kritik, Ironie und Freiheit, verbunden mit dem richten-den Wort. „Das Leben hat keinen Richter über sich?"Aber im Menschen- kommen doch irgendwie Natur undLeben über sich selbst hinaus, sie verlieren in ihm ihre Un-schuld, sie bekommen Qeist — und Geist ist die Selbstkritikdes Lebens. Dieses humane Etwas in uns hat ein&n zwei-felnden Blick des Mitleids für eine „Gesundheitslehre" desLebens, die in noch nüchternen Tagen sich nur gegen diehistorische Krankheit richtet, aber, dann in eine mänadischeWut gegen Wahrheit, Moral, Religion, Menschlichkeit,gegen alles ausartet, was zu einer leidlichen Zähmung deswilden Lehens dienen kann.
Soviel ich sehe, sind es zwei Irrtümer, die das DenkenNietzsches verstören und ihm verhängnisvoll werden. Dererste ist eine völlige, man muß annehmen: geflissentlicheVerkennung des Machtverhältnisses zwischen Instinkt undIntellekt auf Erden, so, als sei dieser das gefährlich Domi-nierende, und höchste Notzeit sei es, den Instinkt vor ihmzu retten. Wenn man bedenkt, wie völlig bei der großen
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Mehrzahl der Menschen der Wille, der Trieb, das Interesseden Intellekt, die Vernunft, das Rechtsgefühl beherrschenund niederhalten, so gewinnt die Meinung etwas Absurdes,man müsse den Intellekt überwinden durch den Instinkt.Nur historisch, aus einer philosophischen Augenblickssitua-tion, als Korrektur rationalistischer Saturiertheit, ist dieseMeinung zu erklären, und sofort bedarf sie der Gegen-
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