allem vom Christentum verneinten, Seiten des Lebens alsseine bejahenswertesten auszurufen. Das Leben über alles!Warum? Das hat er nie gesagt. Er hat nie einen Grunddafür angegeben, warum das Leben etwas unbedingt An-betungswürdiges und höchst Erhaltenswertes ist, sondernhat nur erklärt, Leben gehe über Erkennen, denn mit demLeben vernichte das Erkennen sich selbst. Es setze dasLeben voraus und habe also an ihm das Interesse derSelbsterhaltung. Es scheint also, das Leben muß sein, damites was Zu erkennen gebe. Uns ist aber doch, als reiche dieseLogik nicht aus für seine begeisterte Protektion des Lebens.Wenn er die Schöpfung eines Gottes darin sähe, so müßteman seine Frömmigkeit ehren, auch wenn man persönlichwenig Anlaß fände, vor dem explodierenden Weltall dermodernen Physik auf die Stirn zu fallen. Er sieht abereine massive und sinnlose Ausgeburt des Willens zur Machtdarin, über dessen Sinnlosigkeit und kolossale Unmorali-tät eben man sich zu entzücken habe. Sein Huldigungsrufist nicht „Hosianna!", sondern „Evoe!", und der Ruf hataußerordentlich gebrochenen und gequälten Klang. Er sollverleugnen, daß im Menschen etwas Ober-Biologisches ist,das im Interesse am Leben nicht »auf geht, die Möglichkeiteiner Distanzierung von diesem Interesse, eine kritischeUngebundenheit, die vielleicht das ist, was Nietzsche„Moral" nennt, und die dem lieben Leben zwar nie etwasErnstliches aqhaben wird — dazu ist dieses viel zu unver-besserlich —, aber als leises Korrektiv und Gewissensschär-fung wirken mag, wie das Christentum es immer getan hat.„Es gibt keinen festen Punkt außerhalb des Lebens", sagtNietzsche, „von dem aus über das Dasein reflektiert wer-
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