Sein „Immoralismus" ist also die Selbstaufhebung derMoral aus Wahrhaftigkeit. Aber daß dies eine Art vonÜberschwang und Luxuriieren, der Moral ist, deutet eran, wenn er von einem Erbreichtum an Moralität spricht,die viel verschwenden' und zum Fenster Jiinauswerfenkann, ohne dadurch sonderlich zu verarmen.
Dies alles steht hinter den Atrozitäten und trunkenen Bot-schaften von Macht, Gewalt, Grausamkeit und politischemBetrug, zu welchen sein Gedanke des Lebens als Kunst-werk und einer vom Instinkt beherrschten, unreflektiertenKultur in den späteren Schriften glänzend degeneriert. Alsein Schweizer Kritiker, vom Berner „Bund", einmal schrieb,Nietzsche plädiere für die Abschaffung aller anständigenGefühle, da war der so Mißverstandene völlig wie vor denKopf geschlagen. „Sehr verbunden!" sagte er höhnisch.Denn er hatte es alles sehr nobel und menschenfreundlich,im Sinn eines höheren, tieferen, stolzeren, schöneren Men-schentums gemeint und sich sozusagen „nichts dabei ge-dacht" — jedenfalls nichts Schlechtes, wenn auch eineMenge Böses. Denn alles, was Tiefe hat, ist böse; dasLeben selbst ist tief böse, es ist nicht von der Moral ausge-dacht, es weiß nichts von „Wahrheit", sondern beruht aufSchein und künstlerischer Lüge, es spricht der TugendHohn, denn es ist wesentlich Ruchlosigkeit und Ausbeu-tung, — und, sagt Nietzsche, es gibt einen Pessimismus derStärke, eine intellektuelle Vomeigung für das Harte,Schauerliche, Böse, Problematische des Daseins aus Wohl-sein, aus Fülle des Daseins. Dieses „Wohlsein", diese„Fülle des Daseins" schreibt der kranke Euphoriker sich zuund macht es zu seiner Sache, die bisher verneinten, vor
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