Er hat von Schopenhauer den Satz ererbt, daß „das Lebenals Vorstellung allein, rein angeschaut oder durch die Kunstwiederholt, ein bedeutsames Schauspiel ist", den Satz also,daß nur als ästhetisches Phänomen das Leben zu recht-fertigen ist. Das Leben ist Kunst und Schein, nichts weiter,und darum steht höher als die Wahrheit (die eine An-gelegenheit der Moral ist) die Weisheit (als Sache derKultur und des Lebens) — eine tragisch-ironische Weisheit,welche der Wissenschaft aus künstlerischem Instinkt, umder Kultur willen, Grenzen setzt und den obersten Wert,das Leben, nach zwei Seiten hin verteidigt: gegen den Pessi-mismus der Lebens Verleumder und Fürsprecher des Jen-seits oder des Nirwana — und gegen den Optimismus derVernünftler und Weltverbesserer, die vom Erdenglück aller,von Gerechtigkeit fabeln und dem sozialistischen Sklaven-aufstand Vorarbeiten. Nietzsche hat diese tragische Weis-heit, die das Leben in all seiner Falschheit, Härte und Grau-samkeit segnet, auf den Namen des Dionysos getauft.
Der Name des trunkenen Gottes erscheint zuerst in derästhetisch-mystischen Jugendschrift von der „Geburt derTragödie aus dem Geist der Musik", wo das Dionysischeals künstlerisch-seelische Verfassung dem Kunstprinzipapollinischer Distanziertheit und Objektivität entgegen-gestellt wird, sehr ähnlich, wie Schiller in seinem berühmtenEssay das „Naive" dem „Sentimentalischen" gegenüber-stellt. Hier fällt zum erstenmal das Wort vom „theoretischenMenschen", und die Kampfstellung gegen Sokrates, denErztyp dieses theoretischen Menschen, wird bezogen: gegenSokrates, den Verächter des Instinktes, den Verherrlicherdes Bewußtseins, der lehrte, daß nur gut seift kann, was
2 *
*9