giert, damit er ihm die Sehenswürdigkeiten der Stadt zeige.Das geht den ganzen Nachmittag, und schließlich, gegenAbend, fordert Nietzsche seinen Führer auf, ihm ein emp-fehlenswertes Restaurant zu zeigen. Der Kerl aber, der fürmich die Gestalt eines recht unheimlichen Sendboten ange-nommen hat, führt ihn in ein Freudenhaus. Der Jüngling,rein wie ein Mädchen, ganz Geist, ganz Gelehrsamkeit,ganz fromme Scheu, sieht sich, so sagt er, plötzlich umgebenvon einem halben Dutzend Erscheinungen in Flitter undGaze, die ihn erwartungsvoll ansehen. Zwischen ihnen hin-durch geht der junge Musiker, Philolog und Schopenhauer-Verehrer instinktiv auf ein Klavier zu, das er im Hinter-gründe des teuflischen Salons gewahrt, und worin er (dassind seine Worte) „das einzige seelenhafte Wesen in derGesellschaft" erblickt, und schlägt einige Akkorde an. Daslöst seinen Bann, seine Erstarrung, und er gewinnt dasFreie, er vermag zu fliehen.
Am nächsten Tage hat er dem Kameraden dies Erlebnis ge-wiß unter Lachen erzählt. Welchen Eindruck' es auf ihngemacht, war ihm nicht bewußt. Es war aber nicht mehrund nicht weniger, als was die Psychologen ein „Trauma"nennen, eine Erschütterung, deren wachsende, die Phanta-sie nie wieder loslassende* Nachwirkung von. der Empfäng-lichkeit des Heiligen für die Sünde zeugt. Im vierten Teildes „Zarathustra", entstanden zwanzig Jahre später, findetsich, in dem Kapitel „Unter Töchtern der Wüste", einorientalisierendes Gedicht, dessen gräßliche Scherzhaftig-keit eine kasteite Sinnlichkeit und ihre Nöte, bei schon ge-lockerten Hemmungen, mit qualvoller Geschmacklosigkeitverrät. In diesem Gedicht von den „allerliebsten Freun-
io