Dies wollte ich nicht unbemerkt und bei meinem Überredungs-versuch eine Empfindungssphäre nicht unberücksichtigt lassen, die ohnejeden Zweifel staats- und kulturwichtige Elemente birgt oder bergenkann. Gesundheit? Krankheit? Vorsicht mit diesen Begriffen! Es sinddie schwierigsten in aller Philosophie und Lebenskunde. WhitmansKnabenverehrung, zumal sie nur eine schöne Provinz des allumfassendenReiches seiner phallisch heiligen, phallisch strotzenden Inbrunst bildete,war sicher etwas Gesunderes als die Sophienliebe des armen Novalis,der es klug fand, Entschlummerte zu lieben, um sich „für die Nacht“ein geselliges Lager zu bereiten, und in dessen Abendmahl-Erotik diereizbare Lüsternheit des Phtisikers unheimlich durchschlägt. Die Calamus-Gesänge und die Hymnen an die Nacht: das ist ja ein Unterschiedwie zwischen Leben und Tod oder, wenn Goethes Bestimmung dieserBegriffe die richtige ist, der Unterschied des Klassischen und desRomantischen. „Sympathie mit dem Tode“: gewiß faßt die Formeldas wundersam schillernde Wesen der Romantik nicht ganz, aber ihrTiefstes und Höchstes bestimmt sie, — der junge Flaubert weiß es,wenn er die „tiefe Liebe zum Nichts“ anruft, „welche die Dichterunserer Zeit in ihrem Innersten tragen“, die Liebe zu den „leerenAugenhöhlen der gelben Schädel und den grünlichen Wänden derGrabstätten“; und jene Sympathie mit dem Organischen, von der wirsprachen, vermischt sich bei Novalis mit der anderen, ihr scheinbarentgegengesetzten auf solche Weise, daß niemals eine innigere Ver-bindung von Krankheit, Tod und Wollust erdichtet worden ist. DasLeben selbst als Krankheit, — der Gedanke ist ihm nicht fern, denner findet das Merkmal aller Krankheit, den Selbstzerstörungsinstinkt,im organischen Stoff; Tod und Wollust aber sind ihm ein und die-selbe Funktion, nämlich die chymische, auf Totalität der Vereinigungdringende: aus dieser Idee stammen seine schlimmen Brautbett-Assoziationen.
Was hat mit solchen Ausschweifungen die reine und frisch duftendeUrgesundheit des Sängers von Mannahatta zu schaffen? Nichts, ohneZweifel; und wenn „Sympathie mit dem Tode“ zwar nicht die ganzeRomantik, aber nichts als Romantik ist, so mußte sie wildfremd oderabscheulich sein dem Künder athletischer Demokratie und liebendeinander umschlungen haltender Freistaaten. — Es ist nicht so. Erkannte und hegte sie, diese Sympathie. Seine Liebe zum Meer ver-riete ihn, auch wenn er sich nicht selbst verriete durch das Ge-ständnis, daß die Wellen des trägen Ozeans, an dessen Ewigkeit er
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