Vorwort
D ie folgenden Seiten, geschrieben in guten Sommertagen diesesJahres 1922 für das Gerhart Hauptmann-Heft der „Neuen Rund-schau“ und vor der Drucklegung mündlich mitgeteilt an einem Oktober-abend im Berliner Beethovensaal, haben bei ihrem ersten Lautwerdenund Erscheinen viel Lärm auf der Gasse gemacht: weniger durch ihrensachlichen Inhalt, der durch Neuheit kaum verblüffen konnte, als durchdie Tatsache, daß gerade dieser Verfasser es war, von dem sie aus-gingen. Ich mußte froh sein, wenn die Kritik es sich versagte, meinEingeweide nach Utilitätsgründen zu durchwühlen, die mich zu meiner„Uberläuferei“, meinem „Umfall“, dem „Bruch“ mit meiner geistig-politischen Vergangenheit notwendig bestimmt haben mußten; wennsie es unterließ, mich geradezu als amtlich vorgeschoben und benutzthinzustellen: Daß eine Sinnesänderung, ein Gesinnungswechsel über-raschender, verwirrender und selbst frivoler Art vorliege, schien fastallgemeine Meinung.
Sie irrt, diese allgemeine Meinung, — die Versicherung, die privatimzu wiederholen ich mich nicht verdrießen ließ, bitte ich hier nocheinmal abgeben zu dürfen. Ich weiß von keiner Sinnesänderung.Ich habe vielleicht meine Gedanken geändert, — nicht meinen Sinn.Aber Gedanken, möge das auch sophistisch klingen, sind immer nurMittel zum Zweck, Werkzeug im Dienst eines Sinnes, und gar demKünstler wird es viel leichter, als unbewegliche Meinungswächterwissen können, sich anders denken, anders sprechen zu lassen, als vor-dem, wenn cs gilt, einen bleibenden Sinn in veränderter Zeit zu be-haupten. Ich habe schon einmal aufmerksam gemacht, daß man dasWort Goethes, nur der Betrachtende sei gewissenhaft, nicht derHandelnde, im Falle des Künstlers beinahe umkehren muß: Denndie Kunst ist Sphäre des reinen Geistes und besitzt für ihn die Würdeder Betrachtung, während er den Gedanken nur als dialektisches Mittelkennt, ihn um seiner selbst willen, als „Wahrheit“, nicht sehr achtetund das Betrachten im Sinne einer Aktion zu üben geneigt ist. Wennder Verfasser also auf diesen Blättern teilweise andere Gedanken ver-ficht, als in dem Buche des „Unpolitischen“, so liegt darin eben nur einWiderspruch von Gedanken untereinander, nicht ein solcher des Ver-fassers gegen sich selbst. Dieser ist derselbe geblieben, einig in seinemWesen und Sinn und zwar so sehr, daß er Denen sowohl, die ihn
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