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Ansprache im Goethejahr <<1949>> [neunzehnhundertneunundvierzig]
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die des Faust oder Gottes, des Herrn? Darum meint Carus, daß, so hoch audi der Standpunktwar, auf welchen derFaust die Mitlebenden führen sollte, doch vielleicht Tausende mehrVerzweiflung als Förderung daraus hätten schöpfen müssen.

Der hohe Standpunkt, von dem da aber die Rede ist, ist der des Schauern. Was in der Philo-sophie die Dialektik ist, das ist beim Dichter das Schauen, der geöffnete Blidk für die Wider-sprüche, für das Böse im Guten, die Verderbnis der Idee durch ihre Verwirklichung, die fun-damentale Tragik des Menschenlebens. Alles reine Schauen ist tragisch. Darum istFaust" eineTragödie, ist es besonders dort, wo das Gedicht sich zur sozialen Utopie wendet und Faustnach vielen Abenteuern der Erkenntnis die technisch-soziale, kollektiv verpflichtete Tat, dasgroße Landgewinnungs- und SiedelungsweTk, der Völker breiten, dem Elemente abgewonne-nen Wohngewinn, als Gipfel seines Strebens, als seinenhöchsten Augenblick, als Rechtferti-gung und Erlösung erlebt. Welch bitterste Ironie - die Ironie des Schauens - durchsetzt dieseprachtvoll gedichteten Szenen! Das gute Werk, das Faust in der besten Meinung, wenn auchmit den unvermeidlich dazu gehörigen Mitteln der Gewalt und der Lockung dirigiert es istdes Teufels.Menschenopfer mußten bluten, nachts erscholl des Jammers Qual; Philemonund Baucis, das gute, im Vergangenen wohnende alte Pärchen, müssen in ihrer Hütte ver-brennen, mit ihnen der Fremde, der freie Wanderer; und als der blinde Faust sich am Geklirrder Spaten ergötzt, die vermeintlich sein Werk fördern, da sind es nicht die Spaten der bei-gepreßten Arbeiter oder des freien Volkes auf freiem Grund, sondern die der schlotterndenLemuren, die den Hundertjährigen einbetten wollen, und Mephistopheles murmelt bissig:

Man spricht, wie man mir Nachricht gab,

Von keinem Graben, doch vom Grab.

Tragische Ironie! Aber ist sie die Verhöhnung und Verneinung der Tat-die doch schon für

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