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MEINE DAMEN UND HERREN
ich glaube, Sie würden es mit mir als unnatürlich empfinden, wenn ich, nach so freundlicher,so ehrenvoller Einführung, nun einfach, als handelte es sich um nichts anderes, einen der obli-gaten Goethe-Vorträge begänne, wie sie in diesen Tagen, diesem ganzen Jahr überall in derWelt gehalten werden. Das habe ich drüben in meiner neuen Heimat, dann in England, Schwe-den und in der Schweiz getan; hier und heute, in dieser seltsamen Lebensstunde, voller be-klommener Traumhaftigkeit, kann ich es nicht. Zuviel des Persönlichen - und des mehr alsPersönlichen auch wieder — drängt sich vor den historisch-festlichen Gegenstand und verlangtzuerst nach dem Wort, dem die Zeit überbrückenden, das das Einst mit dem Jetzt verbinden,der Entfremdung wehren, die Verschiedenartigkeit der Erlebnisweisen versöhnen möchte.
Wie mir zumute ist beim Wiedersehen mit dem Altvertraut-Vergangenen, das mir nach sech-zehn von Geschehen überfüllten Jahren wieder Gegenwart und Wirklichkeit wird - ich ver-suche gar nicht, es Ihnen anzudeuten. Die Erschütterung wird mir zuteil, die vor mir andereEmigranten beim Wiederbetreten des heimatlichen Bodens erfuhren, und die ihnen im Bildevon den Gesichtem abzulesen war. Ich sehe Arturo Toscanini, bevor er in der Scala zum ersten-mal wieder den Taktstock hebt, dastehen, den Blick nach innen gerichtet, in bleicher Benom-menheit. Ich sehe Fritz von Unruh, den Dramatiker und Pathetiker, als Redner bei der Pauls-kirchen-Gedenkfeier, im Kampf mit einer anwandelnden Ohnmacht sich an das Pult klammern.Ich glaube, er mußte hinausgestützt werden und sich niederlegen, bevor er fortfahren konnte.Nun ich gedenke, auf den Beinen zu bleiben bei meiner kleinen Allokution - meine viel be-rufene Nüchternheit wird mir dazu verhelfen, oder sagen wir; die Gefaßtheit und Gesetztheitdes Erzählers, ein episches Phlegma, oder auch ein Sinn für Humor, der sich durch langen
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