Aufenthalt in angelsächsischer Lebenssphäre eher noch verstärkt hat. Aber glauben Sie nicht,daß ich darum der erregenden Phantastik und Abenteuerlichkeit der Stunde und der Tragik,die ihr beigemischt ist, weniger zugänglich bin, als jene Schicksalsgenossen!
Im Fluge ziehen die Erlebnisse dieser anderthalb Jahrzehnte, in denen ich sechzig und siebzigwurde, mir durch die Seele: Die Abreise am 11. Februar 1933 zu Vorträgen im Ausland - eineReise, unternommen wie hundert frühere, mit leichtem Gepäck, ahnungslos, ohne die leisesteVorstellung davon, wie das Schicksal es mit dieser Ausfahrt meinte. Es gab keine Heimkehr.Ein Sturz von Ereignissen, die ich nicht zu nennen brauche, versperrte mir den Rückweg — füreinige Zeit, wie ich zu glauben versuchte, für lange, für immer, wie ich langsam zu begreifenlernte. Wogegen ich zehn Jahre lang nach meinen Kräften gekämpft, wovor ich in den letztenJahren mit wachsendem Grauen, auf Kosten meiner Ruhe und dessen, was man Popularitätnennt, gewarnt hatte, das war durch Gewalt und List in Deutschland zu unumschränkter Machtgelangt. Ein Rausch, mir unheimlich in tiefster Seele, hob das Volk auf und nannte sich „na-tionale Revolution“. „Der Rausch"-was für ein zweideutig deutsches Wort! Wie mischensich darin Begeisterung mit Entgeistung, das Höchste mit dem Niedrigsten, das Glück derEnthemmung, das Elend der Vernunftlosigkeit. Andere Sprachen haben dies Zauberwort garnicht; sie setzen dafür ein sehr sachliches und nüchternes wie: Intoxikation, Vergiftung. Ver-giftet schien mir Deutschland, nicht erhoben. Wild-fremd geworden über Nacht und verfratzt,bot es mir keine Stätte und Atemluft mehr. Ich war nicht emigriert, ich war nur auf eine Reisegegangen. Und plötzlich fand ich mich als Emigrant.
Es kamen die Monate des Wanderlebens von Land zu Land, in tiefer Verstörung im Gefühl derEntwurzelung, des Abgeschnittenseins von einer Lebensbasis, die ich für fest und endgültig ge-halten, des Verlustes von Herd, Heim und Habe. Die erste Kontaktnahme mit Amerika kam,
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