Anblick damals für meine Arbeit so wichtig gewesen wäre. Ich mußte verzichten, es mußteauch ohne sinnliche Anschauung gehen. Nun bin ich da, nun habe ich alles wieder vor Augen,und nicht nur das, sondern, traumhafterweise, ich bin ein Bürger der Stadt geworden, nach derich mich damals sehnte und die in meiner Vorstellungswelt, wie in der jedes überhaupt vomGeist berührten Deutschen, eine so bedeutsame Rolle spielt.
Ein Zweites, über meine Person Sinnvolles, kommt hinzu. Es ist, meine Damen und Herren,ein Faktum, das man nicht verkleinern, sondern dessen glückliche Bedeutsamkeit man aner-kennen sollte, daß Ost- und Westdeutschland, abseits und oberhalb von allen Unterschiedenihrer staatlichen Regimente, aller ideologischen, politischen und ökonomischen Gegensätze,auf kulturellem Grund sich gefunden und ihre Goethe-Preise in diesem besonders festlichenJahr ein und derselben Schriftstellerpersönlichkeit zuerteilt haben. Mir erscheint das als eineermutigende und bemerkenswerte Tatsache, ganz unabhängig von der Person des Preisträgers.In dieser Übereinstimmung in kultureller Sphäre darf man ein Symbol sehen für die öftersschon gefährdet scheinende Einheit Deutschlands, und auch an dieser Stelle will ich die Fragewiederholen: Wer sollte denn heute diese Einheit gewährleisten und repräsentieren, wenn nichtein unabhängiger Schriftsteller, dessen wahre Heimat die freie, von Zoneneinteilung unberührtedeutsche Sprache ist?
Ich durfte den Eindruck haben, daß das Gefühl für die Richtigkeit dieser Auffassung, die An-erkennung dieser Repräsentanz (wenn ich das stolze Wort gebrauchen darf) in diesem TeilDeutschlands früh lebendig war, und in meinem kleinen Buch über die Entstehung des Faustus-Romans habe ich erzählt, wie erfreut ich war, als ich schon 1945 erfuhr, daß in Weimar, ichglaube sogar im Goethe-Haus selbst, ein Zyklus von Vorträgen über meinen Goethe-Romangehalten worden sei. Unter manchem anderen hat mir dies Merkmal der Sympathie und des
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