GOETHE UND DIE DEMOKRATIE
19
ausgebreitet, gedämpft, gedrückt, nie ganz erdrückt,wieder aufatmend, sich neu belebend und nach wie vorin unendlicher Tätigkeit hervortretend’. Es ist ein wahrerLobgesang. Und doch wird mindestens seit der Jahr-hundertwende und ihren Erschütterungen und Ein-stürzen klar, daß ihm nichts Gutes schwant von wegenEuropas, daß es ihm eng und ängstlich wird in demschwierigen Erdteil, und Fluchtgedanken sich in ihmregen. Die Flucht spielt ja eine merkwürdige Rolle inseinem Leben: er flieht in die Schweiz zur Zeit LiliSchönemanns, später flieht er Hals über Kopf nachItalien, und nun ist Amerika das Ziel innerer Flucht,dies Land, weit drüben, weit draußen, das sich eben erstseine Unabhängigkeit erkämpft — und dessen Sieg fürRecht und Freiheit er in Dichtung und Wahrheit ‘eine Er-leichterung für die Menschheit’ genannt hatte. Ein demo-kratischer empfundenes Wort gibt es nicht. Die Fluchtdorthin bleibt Phantasie- und Gedankenwerk, aber aus-drücklich schiebt er es nur auf sein Alter, daß er sichnicht wirklich zur Auswanderung entschließt. ‘Wärenwir zwanzig Jahre jünger’, sagt er 1819 zum Kanzler vonMüller, ‘so segelten wir nach Amerika.’ Es ist dasselbeJahr, in dem er, was wenig bekannt ist, die Sammlungseiner Werke der Harvard Universität widmet und indem Begleitschreiben die Staaten ‘ein wundervolles Land’nennt, ‘welches die Augen aller Welt auf sich zieht durcheinen feierlichen gesetzlichen Zustand, der ein Wachstumbefördert, welchem keine Grenzen gesetzt sind’. Undspäter erwägt er im Gespräch mit dem jungen FreundeSulpiz Boisseree: ‘Was möchte daraus geworden sein,wenn ich mit wenigen Freunden vor 30 Jahren nachAmerika gegangen wäre und von Kant etc. nichts gehörthätte!’