GOETHE UNDDIE DEMOKRATIE
weihundert Jahre nach Goethes Geburt, hundert-
undsiebzehn nach seinem Tode, tut man gut,
m j einen Vortrag über ihn mit dem Satz zu beginnen:Ich habe Ihnen nichts Neues zu sagen. Dies wunderbare,große und gesegnete Leben ist, beinahe von dem Augen-blick seines Erlöschens an und dann durch die Jahrzehntehin, studiert und bis in den letzten Winkel abgeleuchtetund dargestellt, dies herrliche Werk kommentiert undgefeiert worden, wie nicht leicht eines anderen SterblichenLeben und Werk. Tout est dit — es ist alles gesagt, vonDeutschen und Nicht-Deutschen, und das Schlimme ist:Ich selbst habe das Meine gesagt und meinen Sackgeleert, — in einem halben Dutzend Aufsätzen habe ichdas getan und in einem ganzen Roman, und nicht nureine Weltkonkurrenz habe ich also zu bestehen, indemich es wage, noch einmal über Goethe zu sprechen, son-dern auch meine eigene.
Offen gestanden bin ich nicht sehr stolz auf diese Bei-träge, auf die kritische und sogar dichterische Versenkungin dies Leben und Werk. Ich bin nicht stolz darauf, weiles die Versenkung ist eines Deutschen in das Deutsche.Im Grunde sagt mir mein Gefühl und wird nie aufhören,es mir zu sagen, daß eigentlich die Bildung erst mitder Kenntnis, der Eroberung und Durchdringung derfremden Sprache, Kultur und Geistesform und demHeimischwerden in ihr beginnt, und dem Deutschen amallerwenigsten steht es an, in seiner Frau Mutterspracheund dem, was darin geschrieben ist, sein Genüge zufinden, ihm besonders gebührt Expansivität und Welt-sinn, und gerade das mag er von seinem Goethe lernen,