GOETHE UND DIE DEMOKRATIE
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Rochus-Fest zu Bingen, um zu erfahren, was es ihmbedeutet, mit dem Volk zu sein, wie sehr er das Volkhafteals trauliches Naturelement, nährendes Tal des Unbe-wußten und der Verjüngung empfindet. ‘Im Bewußten’,sagt er, ‘kann der Mensch nicht lange verharren; er mußsich zuweilen wieder ins Unbewußte flüchten, denn darinlebt seine Wurzel.’—Könnte Schiller den Satz gesprochenhaben, — der stolze Kranke, der Aristokrat des Geistes,der große, rührende Narr der Freiheit? ‘Schiller hatte’,äußert Goethe lächelnd zu Eckermann, ‘das merkwürdigeGlück, als besonderer Freund des Volkes zu gelten, waraber, unter uns, weit mehr ein Aristokrat als ich.’
Das ist wahr, ohne so ganz die Wahrheit zu sein. Denndie konservative Liebe zum Volkselement, wie Goethe siekannte und hegte, ist etwas anderes, als die ideelle undrevolutionäre Liebe zur Menschheit, die Schillers pathe-tische Sache war, und die seine Art von Volkstümlichkeitbestimmte, indem sie ihn zum Sänger eines politischemanzipierten, die ökonomische Freiheit erobernden Bür-gertums machte. Goethe hatte davon nur das Wissen,nicht die Begeisterung. Er hatte aber eine eigentümlicheArt, das Wissen um den Willen der Zeit gleichzusetzenmit dem Gehorsam gegen ihn, mit der Verpflichtung, ihmzu dienen, ihn zu fördern und ‘die Epoche zu beschleu-nigen’. So ist sein Bescheidwissen über die Weltstunde,über das, was die Glocke geschlagen hat, zugleich Pro-gressivität. Daher seine Ungeduld mit den ewig Gest-rigen, denen er zuruft:
Das ist doch nur der alte Dreck,
Werdet doch gescheiter!
Tretet nicht immer denselben Fleck,
So geht doch weiter!
Er ist immer weiter gegangen, konnte, dank seiner