l6 GOETHE UND DIE DEMOKRATIE
kommt. ‘Die Kirche will herrschen’, sagt er mit einemgewissen politischen Verständnis, ‘und da muß sie einebornierte Masse haben, die sich duckt und geneigt ist,sich beherrschen zu lassen. Die hohe, reich dotierteGeistlichkeit fürchtet nichts mehr als die Aufklärung derunteren Massen. Sie hat ihnen auch die Bibel langegenug vorenthalten, so lange wie irgend möglich. Wassollte auch ein armes christliches Gemeindeglied von derfürstlichen Pracht eines reich dotierten Bischofs denken,wenn er dagegen in den Evangelien die Armut undDürftigkeit Christi und seiner Jünger sieht! —Wir wissengarnicht’, ruft er, ‘was wir Luthern und der Reformationim allgemeinen alles zu danken haben. Wir sind freigeworden von den Fesseln geistiger Borniertheit, wirsind . . . fähig geworden, zur Quelle zurückzukehrenund das Christentum in seiner Reinheit zu erfassen. . . .’Was Luther gebracht hat, ist religiöse Demokratie, undGoethe bejaht sie.
Und doch ist sein Protestantismus nicht ganz zuver-lässig : er läßt zuweilen der Bewunderung Raum — nichtsowohl für die ästhetischen Vorteile, als vielmehr für diedemokratisch-gemeinschaftsbildenden Kräfte katholischenLebens. Sie sind stärker, beglückender, findet er dannauf einmal, als die des protestantischen. ‘Man müßtegleich katholisch werden’, ruft er, ‘um Teil an derExistenz der Menschen zu haben. Sich unter sie mischen,gleichgestellt, ein Leben auf dem Markt, im Volk.’
‘Ein Leben im Volk’ — auch das ist Goethe, ist es vonfrühan. Kinder, Volk, Natur, das war die Liebe, dieerwiderte Liebe des Werther-Jünglings, und man brauchtnicht an die warmen Volksszenen im Egmont und Faustzu denken, man muß nur denken an sein persönlichesWohlsein bei volkstümlichen Anlässen, wie etwa beim