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Goethe und die Demokratie
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GOETHE UND DIE DEMOKRATIE 15

durch die am tiefsten greifende Revolution, oder richtiger:Mutation, die das menschliche Gewissen und Welt-gefühl je erfahren hat. Spät, im Gespräch mit Eckermann,legt er sein Verhältnis zur Religion endgültig fest. Aufdie historische Echtheit der Evangelien in jedem Punkt,sagt er, komme es nicht an.Es ist in ihnen der Abglanzeiner Hoheit wirksam, der von der Person Christi aus-ging, und die so göttlicher Art wie nur je auf Erden dasGöttliche erschienen ist. . . . Mag die geistige Kultur nunimmer fortschreiten, mögen die Naturwissenschaften inimmer breiterer Ausdehnung und Tiefe wachsen und dermenschliche Geist sich erweitern wie er will über dieHoheit und sittliche Kultur des Christentums, wie es inden Evangelien schimmert und leuchtet, wird er nichthinauskommen! Diesittliche Kultur des Christen-tums, seine Humanität, seine sittigend-antibarbarischeTendenz war es, vor der er sich beugte, denn es war dieseine, und jene Huldigungen entstammen ohne Zweifeleinem Gefühl der Bundesgenossenschaft, der Einsicht indie Verwandtschaft der Sendung des Christentums inner-halb der völkisch-germanischen Welt mit seiner eigenen.Es ist eine im tiefsten Wesen demokratische Sendung,denn die Neigung zum Niedrigen, die Erhebung desLeidens, ist dem Christentum eingeboren, und nichtskann christlicher, nichts aber auch im höchsten Sinndemokratischer sein als Goethes Ausspruch:Alles Leidenhat etwas Göttliches.

Sein Christentum, als natürliches Ingrediens seinerPersönlichkeit, hat protestantische Färbung. Auffallendist aber, daß er beim Protestantismus, beim Luthertum,die demokratische Tendenz am entschiedensten betontund bei seiner Kritik der katholischen Kirche und ihrerHierarchie plötzlich auf dieunteren Massen zu sprechen