14 GOETHE UND DIE DEMOKRATIE
Kultur und darum, ‘die Pyramide seines Daseins so hochwie möglich hinaufzuspitzen’, war es ihm denn auch dielängste Zeit seines Lebens zu tun, — nicht um die Ver-besserung der WUt. Und an den Ruhm persönlicherHochentwicklung knüpft er schließlich auch die Unsterb-lichkeit, während er die gemeine Menge der ewigenVernichtung überläßt. ‘Wer keinen Namen sich erwarb,noch Edles will, gehört den Elementen an — so fahrethin!’ Ein aristokratischeres Wort gibt es nicht. Esbezeugt den Glauben an Gnadenwahl, und wenn dieseeine christliche Konzeption ist, so kehrt jedenfalls damitdas Christentum seine aristokratischste Seite hervor.
Und doch ist das Christentum die Demokratie alsReligion, — wie man sagen kann, daß die Demokratie derpolitische Ausdruck des Christentums ist. Den revolu-tionären Sinn des Christentums erfaßt Goethe mit demWort: ‘Die christliche Religion ist eine intentioniertepolitische Revolution, die, verfehlt, nachher moralischgeworden ist’. Das ist objektiv bemerkt; über sein persön-liches Verhältnis zum Christentum sagt es nichts aus.Man muß aber insistieren: Wie stand er dazu?
Er hat aus dem humanistischen und aristokratischenTeil seines Herzens heraus manches stolze und ab-lehnende Wort gegen das Kreuz gesprochen. Wir kennendiese Äußerungen nur zu gut. Er hat sich einen ‘dezi-dierten Nicht-Christen’ genannt, Demut und Duldennicht als seine Sache empfunden und hochfahrenderklärt:
Hätt’ Allah mich bestimmt zum Wurm,
So hätt’ er mich als Wurm erschaffen.
Sehr gut, das ist Goethe, der Aristokrat. Aber es ist javon vornherein undenkbar, daß die Formung diesesGeistes nicht aufs stärkste mitbestimmt gewesen sein sollte