GOETHE UND DIE DEMOKRATIE 9
Herr der Welt, der es als ein Unglück betrachten würde,in der Opposition zu sein. So hat er es gesagt: ‘Wennich das Unglück hätte, in der Opposition zu sein’— undvergaß ganz dabei, daß manchmal auch die Torys in derOpposition sind. Er kannte wohl die Verbindung vonZartheit und Zähigkeit, die die besondere Vitalität desGenies ausmacht, sprach gern davon, daß außerordent-liche Menschen vermöge ihrer Sensibilität leicht einerfortgesetzten Kränklichkeit ausgesetzt sind und warselbst viel krank. Dabei liebte er es sehr, Saft und Kraftzu prästieren, den breit aufgepflanzten Sohn der Erde,den Eichbaum zu spielen und auf seine Dauerhaftigkeitzu pochen, seine Langlebigkeit, und hat sich über flüchtigeLebenskraft oder eine solche, die nicht aufs Äußerstevorhielt, humoristisch geringschätzig geäußert. Mit 81sagt er: ‘Da ist der Sömmering (ein namhafter deutscherAnatom) gestorben, kaum elende fünfundsiebzig Jahrealt. Was doch die Menschen für Lumpe sind, daß sienicht die Courage haben, länger auszuhalten als das! Dalobe ich mir meinen Freund Bentham (den englischenÖkonomisten und Utilitaristen), diesen höchst radikalenNarren; er hält sich gut, und doch ist er noch einigeWochen älter als ich.’
Ich weiß nicht, zum wievielten mal ich die Anekdoteerzähle. Ich liebe sie ausnehmend, und zwar wegen ihresReichtums an Implikationen, ihres vielfältigen mora-lischen und psychologischen Gehalts, — wobei ich vorallem an den Spott über Benthams ‘Radikalismus’ denke,der sehr zur Sache gehört. Der Gesprächspartner meinte:in England geboren, wäre Seine Exzellenz auch wohl einRadikaler geworden und gegen Mißbräuche in der Staats-verwaltung zu Felde gezogen. Darauf Goethe, mit derMiene des Mephistopheles: ‘Wofür halten Sie mich ? Ich