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GOETHE UND DIE DEMOKRATIE
gang? Goethe widerstand allem deutsch-romantischenTodeskult, und ich glaube, wenn man den Dingen auf denGrund geht, so ist es seine Lebensfreundschaft, umderentwillen das demokratische Europa ihn für sich inAnspruch nimmt.
An diesem Punkt scheint mir eine Einschaltung nötig.Lassen Sie uns bedenken, daß Goethe weder ein philo-sophischer Systematiker, noch ein starrer Anhänger vonDogmen und Meinungen war, sondern daß die Quelleseiner dichterischen Fruchtbarkeit die Polarität, der uner-schöpfliche Reichtum an Widersprüchen war, den seineNatur umfaßte und der seine Zeitgenossen zuweilen ver-leitete, ihn eines gewissen natur-elbischen Nihilismus zubeschuldigen. Oft ist gesagt worden, daß mit WortenGoethes alles in der Welt belegt und bewiesen werdenkann. Trotzdem, und ungeachtet der Widersprüche, dieauch wir heute abend zu beobachten haben werden,finden wir bei ihm einen Wesensgrund unerschütterlichgroßer Menschlichkeit und verläßlicher Güte, in welcheralle Widersprüche sich auf eine hohe, fast göttliche Weiseauflösen, und auch, was in seiner politischen Welt-anschauung unstimmig gegeneinander zu stehen scheint,löst sich für den tieferen Blick auf, in dieser unfehlbarenMenschlichkeit.
Ich weiß wohl, daß man den Dingen sehr auf denGrund gehen und den Begriff des Demokratischen sehrweit fassen muß, um Goethe darin einzubeziehen. Dennim Engeren und gegen die Oberfläche hin spricht beinaheüberwältigend viel für seine Gegenstellung zur Demo-kratie, politisch und moralisch, und das hängt nun geradewieder mit seinem positiven Verhältnis zum Leben, mitseinem natürlichen Selbstgefühl als Günstling der Götterund Vorzugskind der schaffenden Macht zusammen, als