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Goethe und die Demokratie
Entstehung
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IO GOETHE UND DIE DEMOKRATIE

hätte sollen Mißbräuchen nachspüren, und noch oben-drein sie aufdecken und namhaft machen, ich, der ich inEngland von Mißbräuchen würde gelebt haben? InEngland geboren, wäre ich ein reicher Herzog gewesen,oder vielmehr ein Bischof mit jährlichen dreißigtausendPfund Sterling Einkünften. Da meint der andere, erhätte in der Lotterie des Lebens doch auch eine Nieteziehen können, es gebe so viele Nieten! Und Goethe:Nicht jeder, mein Lieber, ist für das große Los gemacht.Glauben Sie denn, daß ich die Sottise begangen habenwürde, auf eine Niete zu fallen ? Das ist Übermut,Lebensprahlerei, und entspringt der metaphysischen Ge-wißheit, unter allen Umständen ein Mann des großenLoses, unter allen Umständen wohlgeboren, ein großerHerr, ein Mann der Welt zu sein, über deren Korruptionsich zu empören Sache der Schlechtweggekommenen ist.

Er liebte eine Redensart, die logisch garnicht zu recht-fertigen ist, aber ihm mit vornehmer Selbstverständlich-keit von den Lippen geht: er spricht vonangeborenenVerdiensten. Wieso? Das ist ja ein hölzernes Eisen.Verdienste sind nicht angeboren, sie werden erworben,errungen, und das Angeborene ist kein Verdienst, essei denn, man löse dies Wort aus allen seinen moralischenBeziehungen. Das ist es jedoch genau, worauf er esabsieht. Die Redewendung ist ein bewußter Affront gegendas Moralische, gegen all Wollen, Ringen, Streben,Kämpfen, das höchstens löblich, aber nicht vornehm ist,und das er im Grunde für aussichtslos hält. Wenn ersagen hört, Denken sei schwer, so antwortet er:DasSchlimme ist, daß alles Denken zum Denken nichts hilft.Man muß von Natur richtig sein , sodaß die guten Einfälleimmer wie freie Kinder Gottes vor uns dastehen und unszurufen: Da sind wir!