Druckschrift 
Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
Seite
394
Einzelbild herunterladen
 

das Ungeheuerlich werden des Dreiklangs erfahren Hessen. -'Silent, silent night" ist für Klavier und Singstimme gesetzt.Dagegen hatte Adrian zwei Hymnen von Keats, die achtstrophi-ge "Ode to a nightingale" und die kürzere "An die Melancho-lie" mit einer Begleitung von Streichquartett versehen, dienun freilich den Begriff der Begleitung in seiner Herkömmlich-keit weit hinter und unter sich liess. Denn in Wahrheithandelte es sich um eine äusserst kunstvolle Form der Varia-tion, in Welcher kein Ton der Singstimme und der vier Instru-mente unthematisch war. Ohne Unterbrechung herrscht hierzwischen den Stimmen die engste Beziehung, so dass das Ver-hältnis nicht das von Melodie und Begleitung, sondern in allerStrenge das von stetig alternierenden Haupt- und Hebenstimmenist.

Es sind herrliche Stücke - und fast stumm geblieben bisheute durch Schuld der Sprache. Zum Lächeln merkwürdig warmir dabei der tiefe Ausdruck, womit der Komponist- in der"Nightingale" auf das Verlangen nach südlicher Lebenssüsseeingeht, das der Gesang des "immortal bird" in der Seele desDichters wachruft, - wo doch Adrian in Italien nie viel enthu-siastische Dankbarkeit an den Tag gelegt hatte für die Trö-stungen einer Sonnenwelt, welche vergessen lässt - "The weari-ness, the fever, and the fret - Here, where men sit and heareach other groan". Das musikalisch Kostbarste und Kunstvoll-ste, ohne Zweifel, ist die Auflösung und das Verwehen desTraumes am Schluss, dieses

"Adieu! the fancy cannot cheat so wellAs she is fame'd to do, deceiving elf.

Adieu! adieu! thy plaintive anthem fades

Fled is that music: - Do I wake or sleep?"

Ich kann die Herausforderung wohl verstehen, die von dervasenhaften Schönheit dieser Oden auf die Musik ausgegangen