Druckschrift 
Das Wunderkind : Novellen
Entstehung
Seite
48
Einzelbild herunterladen
 

verzweifelt thronende Ich, die Freiheit, der Wahn-sinn und der Tod...

Es war Karfreitag, abends um acht. Mehrere vondenen, die Daniel geladen hatte, kamen zu gleicherZeit. Sie hatten Einladungen in Quartformat er-halten, auf denen ein Adler einen nackten Degen inseinen Fängen durch die Lüfte trug und die in eigen-artiger Schrift die Aufforderung zeigten, an demKonvent zur Verlesung von Daniels Proklamationenam Karfreitagabend teilzunehmen, und sie trafennun zur bestimmten Stunde in der öden und halb-dunklen Vorstadtstraße vor dem banalen Mietshausezusammen, in welchem die leibliche Wohnstätte desPropheten gelegen war.

Einige kannten einander und tauschten Grüße. Eswaren der polnische Maler und das schmale Mädchen,das mit ihm lebte, der Lyriker, ein langer, schwarz-bärtiger Semit mit seiner schweren, bleichen und inhängende Gewänder gekleideten Gattin, eine Persön-lichkeit von zugleich martialischem und kränklichemAussehen, Spiritist und Rittmeister außer Dienst, undein junger Philosoph mit dem Äußern eines Kängu-ruhs. Nur der Novellist, ein Herr mit steifem Hut undgepflegtem Schnurrbart, kannte niemanden. Er kamaus einer andern Sphäre, war nur zufällig hierher

48