Zweites Kapitel. Besondere Regeln der Komposition.
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432. Auf welche Regel kommt cs bei der Anwendung derbildlichen Redeweise, wie Ser Gleichnisrede vornehmlich an?
Darauf, daß die Aehnlichkeit zwischen der dargestellten undder darzustellenden Sache keine künstliche und gesuchte, sonderneine natürliche, mithin dem Leser sofort gegebene sei.
433. Was ist der Unterschied eines bildlichen Ausdrucks uudeiner Gleichnisrede?
Der bildliche Ausdruck und die Gleichnisrede unter-scheiden sich zuerst dadurch, daß elfterer sich beschränkt aufein einzelnes Wort oder einen einzelnen Ausdruck, währendletztere eine ausgeführte Darstellung umfaßt; zweitens da-durch, daß elfterer an sich eine natürliche, daher oft unwill-kürlich angewandte „sprachliche Aushilfe" ist, währendletztere als künstlerische Darstellungsform stets absichtlichangewandt wird.
Wenn ich z. B. von einer Pappel sage: „sie rage wie ein Turmgen Himmel", oder von Kirchtürmen, „sie seien Finger, mit denengen Himmel gezeigt werde", oder vom menschlichen Leben, „es seieine Reise" n. s. s., so sind das bildliche Ausdrücke. Als dagegendas römische Volk, in Zwietracht mit dem Senate, ausgewandertwar und nun der Abgesandte des Senats an dem menschlichenKörper es nachwies, wie nachteilig für jedes einzelne Glied einesorganisch zusammenlebenden Ganzen es sei, wenn politische Miß-Helligkeiten zu dergleichen Thaten der Zwietracht würden, so wardas eine Gleichnisrede, die ihres Zweckes nicht verfehlte, weil jedereinzelne im Volke die Wahrheit der politischen Lehre an seinemeigenen Leibe bildlich anschaute.
434. Warum nannten wir den bildlichen Ausdruck „einenatürliche sprachliche Aushilfe?"
Zwar bedingen sich Sprechen und Denken gegenseitignotwendig, aber dennoch ist das Denken als der innereSeelenton stets reicher als die Sprache oder die Laute desMundes. Daher nimmt der Sprechende, um einen relativgenügenden Ausdruck dessen, was in ihm lebt, zu finden,einem natürlichen Sprachgesetze, dem der Analogie, folgend,zu bildlichen Ausdrücken seine Zuflucht.
Es erklärt sich daraus, daß sowohl jedes sprechende Volk, wieder einzelne sprechende Mensch in demselben, zur Zeit der Kindheit,