Druckschrift 
Katechismus der Stilistik : eine Anweisung zur Ausarbeitung schriftlicher Aufsätze
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

14

Einleitung.

37. Wie wird dieselbe geübt?

Dadurch, daß wir uns selbst möglichst und absichtlich alszweite Person gegenübertreten, um Strenge zu üben; dennes ist eine allgemeine Unart der Menschennatur, daß wir denSplitter sehen im fremden Auge, aber des Balkens im eignennicht gewahr werden.

38. Welches äußerliche Verfahren ist zu diesem Zwecke zuempfehlen?

Zweierlei: nämlich, daß man sich die eigene Arbeit vorder schließlichen Kritik möglichst fremd werden läßt, alsoeine möglichst lange Zeit zwischen der ersten Arbeit und derschließlichen Durchsicht die Ausarbeitung unberührt liegenläßt, und daß man seine schriftliche Arbeit sich selbst lautvorliest, oder noch besser, sich dieselbe von einem andern lautvorlesen läßt.

39. Was ist der Grund des zuletzt genannten Verfahrens?

Wenn wir uns abermals daran erinnern, daß die Schrift

nur eine künstliche Darstellungsform der natürlichen, leben-digen Sprache ist, daß daher das Ohr das direkte, dasAuge nur das indirekte Auffassungsmittel ist, so wirdman sich leicht sagen können, weshalb man sich auch dieeigene Arbeit zur Kritik laut lesend vorführen muß.

40. Weshalb ist es aber noch ersprießlicher ff. Fr. 38), sichdieselbe, wo möglich, von einem andern lesend vorführen zu lassen?

Weil wir selbst einmal niedergeschriebene Härten u. s. f.,auch ohne daß wir es wissen und wollen, lesend unseremOhre zu verbergen geneigt sind, so daß wir gerade durch dasAnstoßen des fremden Vorlesers es gewahr werden, woKorrektur notthut.

Ein Schüler, der die Sache kannte, wußte es schlauerweise beieiner schriftlichen Prüfung durch unleserliche Handschrift dahin zubringen, daß er feine niedergeschriebenen Antworten selbst vorlesendurfte: aber es blieb weder den Lehrern, noch den übrigen Schülernverborgen, daß er dadurch, auch abgesehen von dem wesentlichenFehler der schlechten Handschrift, eine höhere Nummer erreichte, alsihm zukam.