Russische Sprache und Literatur 385
Antrieb arbeitenden Schriftsteller und Übersetzer nicht sowol die Sprache zu bilden als viel-mehr dem russ. Volke nutzbare Mittheilungen zu machen bezweckten, so bildete die neueSchriftsprache bald ein buntes Gemisch .von Altslawischem, Gemcinrussischem und Auslän-dischem, und bei der Eilfertigkeit der Übersetzungen wurden fremde Wörter und Redens-arten ohne Weiteres ausgenommen. Den Keimen einer nationalen Literatur, die Petervorfand, widmete er nicht die geringste Beachtung und Pflege; in der Schnelle, wie neueStädte und Fabriken, sollte auf seinen Befehl eine Literatur erstehen nach dem Muster der-jenigen, von denen er auf seinen Reisen Kennrniß erhalten hatte. Um 1704 entwarf er dieGrundzüge der gegenwärtigen russ. Druckschrift, indem er den schwerfälligen CyrillischenBuchstaben mehr Rundung gab. Nach seinen Angaben wurden zu Amsterdam die russ. Let-tern gegossen, mit welchen man 1705 in der geistlichen Druckerei zu Moskau die ersten russ.Zeitungen druckte. Schon früher hatte er dem Buchdrucker Lessing zu Amsterdam, der 1690das erste eigentliche russ. Buch, eine Art Weltgeschichte, druckte, ein Privilegium auf 15Jahre für russ... Werke ertheilt. In Amsterdam wurden namentlich bis 1710 mehre russ.Werke, meist Übersetzungen, von dem aus Weißrußland gebürtigen amsterdamcr PastorKopijewitsch (gest. >701) gedruckt. Jm J. 1711 wurde in Petersburg die Ukasendruckereieingerichtet und hier 1713 das erste Buch, 1714 die erste Zeitung gedruckt. VorzüglicheSorgfalt wendete Peter der Große auf Einrichtung neuer Lehrinstitutc und Schulen ver-schiedener Art. Durch den Ankauf des anatomischen und des zoologischen Cabincts vonRuysch und dem Apotheker Seba in Holland legte er den Grund zum Petersburger Museum.Nach einem von Leibnitz entworfenen Plane gründete er die Akademie der Wissenschaften zuPetersburg, die aber erst nach seinem Tode 1725 von der Kaiserin Katharina I. eröffnet undder zur Ausbildung künftiger Lehrer ein Gymnasium beigefügt wurde, welches bis 1762 denNamen Universität führte. Die vorzüglichsten Schriftsteller dieser Zeit waren der Metro-polit von Rostow, Demetrius (1651 —1709), der Lebensbeschreibungen der Heiligen (4 Bde.,Kiew 1711 — >6, Fol.) verfaßte; der Metropolit von Rjazan, Jaworskij (1658—1722),ausgezeichnet als geistlicher Redner; der Erzbischof von Nowgorod, Prokopowitsch (1681 —1736), Pcter's des Großen treuer Gehülfe, der gegen 60 theologische und historische Werkehinterließ; der Mönch Nikodem Sellij (gest. 1746), der viel für russ. Geschichte sammelte,und der Nath Tatitschcw (1686—1750), der eine„Geschichte Rußlands"(4 Bde., Petersb.1769—84) schrieb, die noch jetzt ihren Werth hat. Als Dichter sind zu nennen, außerKantemir (s. d.), die Kosacken Klimowskij und Danilow, welcher Letztere auch Volksliedersammelte. Die russ. Verskunst setzte zuerst fest der Professor Trediakowskij (1703—69).
So hatte Peter der Große die Saat eines neuen Lebens ausgestreut; es zeigten sichauch schon die Keime einer neuen Schöpfung, aber, da durch ihn ein Zwiespalt zwischen demursprünglich Nationalen und dem Fremdländischen in die russ. Literatur gekommen war, sobedurften diese verschiedenen Elemente noch langer Zeit, che sie diesen Zwiespalt überwandenund zu eineni organischen Ganzen sich gestalteten. Diese Entwickelung der russ. Literaturbegann erst unter Elisabeth und Katharina II. Elisabeth sah in Kunst und Wissenschaft eineZierdeihres glänzenden Hofs; sie stiftete 1755 die Universität zu Moskau und 1758dieAkade-mie der Künste. Katharina faßte Peter'sl. kühnen Plan in seinem ganzen Umfange auf, mitbeharrlichem Eifer schritt sie in der Ausführung der oft unterbrochenen Plane vorwärts undwirkte zunächst von ihrem Umgangskrcise aus auf Achtung des Schönen und Nützlichen hin.Auf das freigebigste wurden die Schriftsteller unterstützt; täglich mehrten sich die Bildungs-anstalten, durch das ganze Land ließ sie Volksschulen errichten und auch ein Seminar fürVolksschullehrer nebst Normalschule eröjftien. Die Akademie der Wissenschaften erhob sichdurch Mitglieder wie Pallas (f.d.), Gmelin (s.d.), Güldcnstcdt und Rumowski (s. d.)zu hoher Blüte; die Akademie der Künste wurde erweitert, 1772 das Bergwcrksinstitut und1783 die Akademie zur Vervollkommnung der Sprache und Geschichte gestiftet. Allgemeinerfing man an, dem Auslande nachzucisern, ja es wurde der Einfluß desselben bei dem für geistigeGenüsse empfänglichen Theile des Adels und Beamtenstandes so groß, daß Paul I., der dieUniversität zu Dorpat gründete, eine Landcssperre gebot. Den Anfang dieser neuen Periodebezeichnen die Bestrebungen Lomonosow's (s. d.), der zuerst zwischen dem AltslawischenConv.-Lex. Neunte Aufl. XII. 25