384 Russische Sprache und Literatur
den Eingesessenen so, daß die Enkel Rurik's schon slaw. Namen haben. Als in Folge der !Einführung der altslaw. Kirckenbücher durch Cyrill (s. d.) und Method die altslaw. Kir-chensvrache zur ausschließlichen Schriftsprache der Russen wurde, lebte die eigentlich russ.Svrache nur im Munde des Volks fort. In ihr ist daher auch nichts mehr vorhanden; dennselbst, die Volkslieder sind nur mit spätem Abänderungen aus uns gekommen. Ob die, außerder Übersetzung der heiligen Schrift und der Kirchenbücher, in altslaw. Sprache auf unsgekommenen Tractakc der Fürsten Oleg und Igor mit den Griechen von 8 l 2 und 945, unddie Rede Swiatoslaw's in dieser Zeit abgefaßt sind, ist gleichfalls ungewiß. Aus Jaroslaw'sZeit, um 1929, der in Nowgorod eine Lehranstalt gründete, stammt die wichtige, 1738 vonTatischtschew aufgefundene „?ru>v<Ia riisllssa", d. i. russ. Recht, die zuerst von Schlözer(Petersb. > 767), am vollständigsten aber von Nakowiecki (2 Dde., Warsch. 1829) hcraus-gegeben wurde. In dieselbe Periode gehört Nestor (s. d.), der Vater der russ. Geschichte.Diese glücklichen Anfänge wurden allerdings durch die Einfälle der Tataren gestört; da aberLetztere aus schlauer Politik die Klöster schonten, so fanden in ihnen die Wissenschafteneine Zuflucht und diesem Umstande verdanken wir die „Jahrbücher" Simon's des Heiligen,Bischofs von Susdal (gcst. >226), das „Stufenbuch" des Metropoliten Cyprian (gcst.1496) und die „Sophienchrcnik von 862—>531" (herausgeg. von Strojcw, Mosk.1829—22, 4.). Auch stammen aus der Zeit der Unterdrückung zahlreiche Volkslieder, diedurch die altslaw. Fabcllchre und phantastische Gestaltung einen eigenthümlichcn Reiz haben.Den Mittelpunkt des Sagenkreises in ihnen bildet der Fürst Wladimir mit seinen Ritternin ähnlicher Weise wie in den Sagenkreisen von Karl dem Großen und seinen Paladinenund dem König Artus und seinen Rittern. Vgl. „Wladimir und seine Tafelrunde" (Lp;.1819), eine deutsche Nachbildung und aus einer Sammlung altruss. Lieder entstanden, dieNumjanzow (s. d.) drucken ließ, und des Fürsten Certelew „Sammlung altruss. Dichtun-gen" (2 Bde., Pctersb. 1822). Das berühmteste dieser Gedichte, „Jgor's Zug gegen diePolowzer", welches Kraft, Kühnheit und Anmuth der Gedanken und der Sprache wunder-bar in sich vereinigt, ist um 1299 geschrieben und wurde zuerst vom Grafen Mussin-Pusch-kin, der cs 1795 in Kiew auffand, nachher unter Andern von Hanka mit deutscher Über-setzung (Prag 1821) hcrausgegeben.
Seit der Befreiung Rußlands von der Mongolenherrschaft unter Iwan I. im I. I47Snahm die russ. Literatur einen neuen Aufschwung, wenn auch die Fortschritte nur langsamerfolgten. Jwan ll. Wassiljewitsch, 1533—84, eröffnete Schulen für alle Stände, und1564 wurde die erste russ. Druckerei in Moskau errichtet. Zu rechter Bedeutsamkeit gelang-ten indeß diese Bestrebungen erst, nachdem durch Michael R o m a n o w (s- d.), 1613—45,das politische Dasein des Staats begründet war, und nun die Städte und der Handel zuerblühen anfingcn, worauf auch viele Deutsche sich nach Rußland wendeten. Alexei Michai-lowitsch ließ 1644 eine wichtige Sammlung der russ. Gesetze im Druck erscheinen, und balddarauf erfolgte die Gründung der Akademie zu Moskau, in welcher bereits Grammatik,Rhetorik, Poetik, Dialektik, Philosophie und Theologie gelehrt wurden. Von dieser Zeit anbis zu Anfänge des 18. Jahrh. machte sich aber in Folge des Verkehrs mit den Polen undder Herrschaft der Letztem im südwestlichen Rußland das Polnische in der russ. Literatur im- imcr geltender. Als Schriftsteller dieser Periode sind zu erwähnen der Metropolit Makarius !(gcst. 1564), der Lebensbeschreibungen der Heiligen, der Erzpriesicr u. s. w. schrieb; Aizania,der Verfasser einer slaw. Grammatik (Wilna 1596); der Minister des Zaren Alexe! Michai-lowitsch, Matwiejew, der sich um russ. Bildung und Sprache sehr verdient machte und mehr:geschichtliche und heraldische Werke schrieb; ferner als Beförderer der Literatur Nikon (s.d.) -und der Fürst Konst. Bas. von Ostrog (s. d.).
Der Schöpfer der gegenwärtigen russ. Nationalbildung wurde Peter der Große(s. d.), mit welchem daher auch die eigentliche Geschichte der russ. Literatur beginnt, insofern >als die vorangcgangcnen literarischen Erzeugnisse, mit Ausnahme der Volksmärchen und >Volkslieder, mehr der slaw. Literatur überhaupt angchoren. Peter der Große erhob nichtnur die russ. Sprache zur allgemeinen Geschäfts- und Schriftsprache, sondern auf seinen ^Befehl wurden auch viele deutsche, franz. und holländ. Schriften in dieselbe übersetzt. Da eraber nur das unmittelbare Bedürfnis seines Volks vor Augen hatte, und auch die aufseine«