Reformbill 747
Tories zu lähmen und die Wünsche und Federungen des Volks zu steigern. Unter den, Bei-falle der öffentlichen Stimme übertrug der neue König dem Grafen Grey (s. d.), einem ge-mäßigten Whig, aber entschiedenen Ncformfrcunde, das Staaksruder, welcher sich auch inAlthorp, Brougham, Palmerston, Goderich, Melbourne, Graham gleichgesinnte College»wählte. Schon am >. März I 83 > legte Lord Russell im Aufträge des sogenannten Rcform-ministeriums dem Unterhause einen Gesetzentwurf vor, der ein neues Wahlgesetz und eineandere Vertheilung der Parlamentssitze in Antrag stellte. Nach diesem Entwürfe, der dasWahlrecht nicht als Privatrecht, sondern als ein anvertrautes (trust) erkannte, sollten 60Flecken ihr Recht gänzlich verlieren, >7 kleinere Orte fortan nur einen Abgeordneten sendenund überhaupt >68 Mitglieder des Unterhauses ausscheiden. Große, bisher nicht vertreteneStädte, wie Sheffield, Birmingham, Manchester, erhielten jede zwei, und 2» andere jedeeinen Sitz im Unterhausc. Überhaupt sollten >»6 neue Sitze ertheilt werden und davonSchottland fünf, Irland drei, Wales einen, London acht, andere englische Städte 31, die engl.Grafschaften''5 bekommen, sodaß nachAbzug der verworfenen und Hinzurechnung der neuenSitze das künftige Unterhaus 56«; Mitglieder zählen mußte. Eine solche Verminderung derMitgliedschaft des Hauses sahen die Minister als eine Erleichterung des Geschäftsgangesan. Der Entwurf gestand, außer allen Freibcsihcrn (I''roei,»>>>or.H mit > 6 Pfd. St. Rente,das Wahlrecht auch den Zeitbefitzern ((7<>>>)ü<>I<>er») mit 26 Pfd. St. Einnahme und denPächtern mit 2 l jähriger Pachtzeit (Uo->seK»l<Ie») und einem Pachtzinst von 56 Pf. St. zu.Die Rechte der Bürger in den städtischen Corpvrationen (b'rueiiieu) sollten für Lebenszeitder zeitigen Inhaber unangetastet bleiben. Wie hoch auch schon dieser Vermögenscensuswar, bewies der Umstand, daß sich hiernach die Zahl sämmtlicher Wähler in den drei Rei-chen höchstens nur auf '>66606 belaufen konnte. Das Gesetz in solcher Gestalt verur-sachte eine maßlose Aufregung im Parlamente und außerhalb und übertraf die Erwartun-gen der Einen, wie die Befürchtungen der Andern. Die Tories erklärten das Recht derverrotteten Flecken für ein Privatrecht, warfen der Reform eine todte, rein arithmetische Be-gründung vor und hielten als abschreckendes Beispiel das franz. Wahlsystem vor. Bei derAbstimmung im Unterhause über die zweite Lesung der Bill, am 22. März, entschied nur dieMajorität einer Stimme dafür. Unter den Verneinenden befanden sich die Universitäten und162 bedrohte Burgen. Um das Recht der verrotteten Flecken zu retten, oder das Cabinet zusprengen, schlug der General Gascoyne am >6. Apr. vor, man solle die Zahl der Parla-mentsglicder nicht verringern, was auch mit 2!>6 gegen 261 Stimmen unterstützt wurde.Die Minister sahen sich deshalb gcnöthigt, ihre Entlassung anzubictcn; allein der König ent-schloß sich, an das Volk zu appelliren und löste am 2 ;. Apr. > 861 das Parlament auf. DieAufregung und die Begeisterung der Massen war grenzenlos; überall zeigte sich die öffent-liche Stimme für die Reform, und die Ncugewählten mußten sich meist verpflichten, denMinistern beizutretcn. Als nach dem beispiellos stürmischen Wahlkampfe das Parlamentam 2 -1. Juni wieder zusammentrat, legte Russell die Reformbill niit einigen Veränderungenabermals vor, die nun auch bei der zweiten Lesung, am 6. Juli, eine Majorität von >36Stimmen erhielt und endlich am 21. Sept. vom Unterbaust mit 335 gegen 236 Stimmenangenommen wurde. Unter der Minderzahl befanden sich > 66 Personen, die ein unmittel-bares Interesse hatten. Schon am folgenden Tage überreichte Russell die Bill dem Ober-Hause. Hier brachten die Tories mit Leidenschaft die alten Gegcngründe wieder vor, undWellington behauptete unter Anderm, „das Unterhaus würde durch das Gesetz eine demo-kratische Versammlung der allcrübelsten Art werden". Ohne auf Einzelnes einzugehcn,wurde die Bill von den Lords bei der zweiten Lesung am 7. Oct. mit > 66 gegen > 58 Stim-men verworfen. Alle Bischöfe, mit Ausnahme von zweien, stimmten dagegen. Nachdem dasUnterhaus am >6. Oct. in einer mit großer Majorität beschlossenen Adresse seine Anhäng-lichkeit an die Bill ausgesprochen und die Minister ermuntert hatte, wurde es von dem rath-losen Könige prorogirt. Während die Tories die Bildung einer neuen Verwaltung versuchenmußten, brachen auf vielen Punkten des Reichs Aufstände aus und sämmtlichc Volks-vereine verbanden sich unter der Leitung Sir Francis Burdctt's zu einer großen „iVaiioimlPolitical Dnion", welche unter furchtbaren Drohungen von den Tories die Annahme derBill fvderte. Unmöglich konnte eine solche Aufregung aller Kräfte und Leidenschaften mit