Pathos Patkul 751
bewirkten Veränderungen der Form zu erforschen, diese die während einer Krankheit sichzeigenden Abweichungen der Zusammensetzung und Mischung genauer zu ermitteln, undbeide gehören also eigentlich zu der Symptomatologie. Obgleich cs nicht zu leugnen ist, daßdiese Wissenschaften in ihrer weitern Ausbildung nicht nur der Pathologie eine reiche Aus-beute gewähren, sondern auch der Therapie den richtigen Anhaltepunkt sichern werden, sokann man doch auch mit ziemlicher Gewißheit Voraussagen, daß auch sie nicht alle patho-logischen Erscheinungen zu erklären im Stande sein werden, und daß auch ihnen der Über-gang vom Materiellen zum Dynamischen sich als unübersteigliche Klippe entgegenstellenwerde, da eine pathologische Dynamik (s. d.) wol schwerlich jemals aus der Zahl derhypothetischen Wissenschaften in die der positiven übergehen wird. Um die pathologisch«Anatomie haben sich besonders verdient gemacht Morgagni (s.d.), Ludwig, Baillie,Conradi, Wichet, Voigtel, Otto, Meckel, Andral, Albers, Froriep, Hope, Lobstein, Roki-tansky, Hasse, Bock und Vogel, während von den Bearbeitern der pathologischen Chemiebesonders Hünefeld, Simon, Andral und Lehmann zu nennen sind. (S. Humoralpa-thologie und Neuropathologie.)
Pathos (grieck.), eigentlick das Leiden oder das Ergriffcnsein von Etwas, bezeichnetbesonders den starken Eindruck auf das Gemüth, die heftige Gemüthsbewegung oder denAffect. Pathetisch ist daher, was eine starke Gemüthsbewegung ausdrückt. In derKunst wird Pathos dem Ethos schon von den alten Kunstrichtern und Rhetoren gegenüber-gestellt. Ethos, d. h. Charakter, ist das bleibende sittliche Gepräge des Menschen; Pathosdie vorübergehende Anregung, das Ergriffenwerden von den Gegenständen und Ereignissen.Das Ethos ist die Grundlage der objcctiven Darstellung eines Charakters; das Pathosder Zustand, der auf diesem Charakter ruht. Wird die Darstellung des Pathos als Haupt-aufgabe der Kunst angesehen, so muß ein solches Haften auf einer Einzelheit der klaren An-» schaulichkeit und Gegenständlichkeit, welche die Kunst als Darstellung der Idee fodert, noth-wendig Eintrag thun. Das Pathos muß in der Darstellung aus der innern Natur der^ > - Sache, der Fühlenden oder Handelnden hervorgehen und deren Verhältnissen angemessen
sein, und eS ist ein Jrrthum, das Erh ab.ene (s. d.) nur in das Pathos zu sehen.
- ^ Patkul (Zoh. Reinhold oder Reginald von), ein Licfländer, merkwürdig durch sein
bewegtes Leben wie durch den schmählichen Tod, welchen er erleiden mußte, soll 1660 zuStockholm im Gefängnisse geboren worden sein, wohin seine Mutter dem Vater gefolgtwar, welchem man Schuld gab, im poln. Kriege die Stadt Wollmar an die Polen verrathenzu haben. Er war schweb. Capitain, als er sich 1689 der Deputation der liefländ. Ritter-schaft anschloß, welche Karl XI. wegen der Härte, mit der die Neduction dort bewerkstelligtwurde, Vorstellungen machen sollte. Als ein junger, feuriger und kenntnißreicher Mannsprach er mit patriotischem Eifer, selbst als er sich von seinen Mikdeputirten verlassen sah,für Lieflands Gerechtsame, und in der That gelang es ihm, das Interesse des Königs dafürzu erregen. Da aber hierdurch in der Hauptsache nichts geändert wurde, so stellte er 1692als liefländ. Deputirter bei dem schweb. Generalgouverneur in Riga die Beschwerden seinesVaterlands nochmals in einem Schreiben an den König dar; dasselbe schloß mit der aller-dings übereilten Bemerkung, „daß Liefländ vordem fast besser gckhan haben würde, sicheinem Kriege mit Polen oder Rußland auszusetzen, als einer Krone sich zu unterwerfen,, die> ihm zum schweren Joche werden wolle!" Von diesem Augenblick an begann die Verwicke-lung seines Schicksals. Die schwcd. Regierung foderte I69Z alle Landräthe Lieflands,den Landmarschall und besonders P. zum Verhör nach Stockholm, um ihnen als Rebellenden Proceß zu machen. P. hielt sich damals in Kurland auf, wohin er wegen eines unan-genehmen Handels mit einem seiner Vorgesetzten geflüchtet war; da man ihm aber >69»sicheres Geleit versprach, ging er nach Stockholm. Doch schon im Oct. desselben Jahres fander für gut, sich wieder nach Kurland zurückzuziehen und bald darauf wurde er wegen seinerthätigen Mitwirkung bei der Angelegenheit der liefländ. Ritterschaft, wegen des Streits beiseinem Regiment- und wegen der Flucht ins Ausland vcrurtheilt, infam erklärt zu werden§ und dann die rechte Hand und den Kopf zu verlieren; auch sollten seine Güter eingezogenund seine Schriften durch den Scharfrichter verbrannt werden. Da er sich jetzt auch in Kur-land nicht sicher genug glaubte, so begab er sich zunächst ins schweiz. Waadtland, wo er