71-1 Lessing (Karl Friede.)
Schriftsteller und als Mensch durch feinen unbestechlichen und unerschütterlichen Wahr-heitssinn, der sich sein ganzes Leben hindurch gleich blieb. Freilich erscheinen seine pole-mischen Schriften dadurch bisweilen hart und tief einschneidend; aber er versöhnt durchdas stets bereite Bekenntniß eigner Jrrthümer und dadurch, daß seine Angriffe stets nurder Sache, nie der Person gelten. L.'s persönlicher Charakter war bei seinen Lebzeitenmancherlei Verunglimpfungen ausgesetzt, jedoch mit Unrecht, wie dies das Zeugniß seinerFreunde und mehr noch sein eigner, nach seinem Tode veröffentlichter Briefwechsel beweist.Ein trefflicher Sohn, Bruder, Gatte und Freund, echter Protestant, unbekümmert umäußere Güter, oft in bedrängten Lagen, wich er nie von der strengsten Rechtlichkeit, ver-folgte aber auch schonungslos fremdes Unrecht. An heitern Lebensgenüssen nahm er gernThcil und gab sich ihnen in einzelnen Pausen seiner angestrengten Thätigkeit ganz hin,ohne sich je von ihnen beherrschen zu lassen. Vgl. „L.'s Leben nebst seinem noch übrigenliterarischen Nachlasse" (hecausgegebcn von dessen Bruder Karl Gotthclf L., 2 Bdc., Berl.1793); Fr. Schlegel, „L.'s Gedanken und Meinungen, aus dessen Schriften zusammen-gestellt und erläutert" (3 Bde., Lpz. 1893) und desselben Abhandlung „Über L." in den„Charakteristiken und Kritiken" (Bd. I, Königsb. 1891); Schlick, „L.'s Leben und Cha-rakteristik" (Berl. 182 5), als erster Band von L.'s „Sämmtlichen Schriften" und Guhrauer,„L.'s Erziehung des Menschengeschlechts kritisch und philosophisch erörtert" (Berl. 1842).— Sein jüngerer Bruder, Karl GotthelfL., geb. am 19.Juli 1749, gest. am 17.Febr.1812 als Münzdirector in Breslau, hat sich theils durch die Herausgabe von seines BrudersNachlaß, theils durch einige Lustspiele bekannt gemacht.
Lesssng (Karl Friedr.), gegenwärtig der ausgezeichnetste Maler der düsseldorferSchule, geb. am 8. Febr. 1898 zu Breslau, als der Sohn eines angesehenen Beamten,zeigte von Jugend auf, nachdem er erst spät hatte sprechen lernen, keine besondere Empfäng-lichkeit für den Schulunterricht und auch, als er, durch seinen Vater für das Baufach be-stimmt, deshalb 1821 nach Berlin gekommen war, keine Neigung für diese Beschäftigung.Um so mehr fesselte ihn von jeher der Zeichenunterricht, und angeregt durch Professor Kösclin Berlin, erwachte in ihm ein ganz entschiedener Beruf zunächst zur Landschaftmalerei.Gegen den Willen des Vaters, der sich durchaus nicht bewegen ließ, von seiner Absicht, daßder Sohn Architekt werden sollte, abzugehen, wählte L. endlich doch die Malerkunst zuseinem Lcbensberufe und erregte gleich durch sein erstes Bild, den Kirchhof, bedeutendesAufsehen. Von W.Schadow nach Düsseldorf gezogen und zugleich für die Historienmalereigewonnen, galt er bald als einer der ausgezeichnetsten Maler der jungen Schule. DerCarton zur Schlacht von Jkonium, dasSchloß am Meere, und noch in weit höherm Gradedas trauernde Königspaar und der berühmte Klosterhof im Schnee (jetzt im Museum zuKöln) gewannen ihm eine wahre Popularität. Sein erstes Entwickelungsstadium, wennman so will, schließt ab mit der Scene aus „Lenore" und mit dem „Räuber" (1832).Bedeutende Studien führten seitdem den Künstler in der Landschaft zu einem getreuemEingehen auf das Einzelne der Natur, in der Genre- und Geschichtsmalcrei zu einemliefern Verständniß des Charakteristischen, und fortan durchdringt sich bei ihm die roman-tische Hoheit des Gedankens mit der vollen Wahrheit der Darstellung. Belege dazu sindbesonders die wunderbar ergreifende „Landschaft aus der Eifel" (im Besitze des ConsulsWagener in Berlin) und die „Hussitenpredigt" (1835), eines der epochemachenden Werkedeutscher Kunst. ZurWahl des letztem Gegenstandes wurde er dadurch veranlaßt, daß sich seinJnteressewesentlich antihierarchischen Momenten derGeschichtczuwendct. EineStudicnreiseim Solingerwald im 1.1836 eröffnete ihm die ganze Poesie des Waldlebens, in deren Dar-stellung er seitdem seines Gleichen nicht findet. Durchblicke durch Wälder und Schluchten,auf Schlösser, Klöster und Ebenen, poetisch gehoben durch eine reizende Staffage, warenfortan seine liebsten Motive. Erst 1838 trat er wieder mit einem großen Historienbildshervor; es war der gefangene Tyrann Ezzelin, der die Znsprüche zweier Mönche von sichweist. Mit diesem Bilde, hätte man glauben mögen, habe L. seinen Höhepunkt erreicht,allein die Erfahrung hat gelehrt, daß in diesem reichen, kraftvollen Geist noch der Entwicke-lungen viele lagen. Im I. 1842 vollendete er seinen schon Jahre zuvor entworfenen „Hußvor dem Coneil zu Kostnitz" und die im kleinern Maßstabe ausgeführte „Gcsangennehmung