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Lessing (Gotthold Ephraim)
mislungen. In die letzten Lebensjahre L.'s fallen noch einige Versuche, ihn von Wolfen-büttel wegzuziehen; so von Manheim aus, wo der Kurfürst Karl Theodor 1776 eineAkademie der Wissenschaften und ein Nationaltheater der Deutschen errichtete. L. machte>777 eine Reise dahin; doch beruhte die Sache bald auf sich. Auch für die von Joseph II.beabsichtigte Akademie der Wissenschaften interessirte er sich so lebhaft, daß er 1775 nachWien reiste, wo er eine sehr ehrenvolle Aufnahme fand und von wo er mit dem PrinzenLeopold von Braunschweig nach Italien ging. In der letzten Zeit seines Lebens nahmenseine Gesundheit, frühere Heiterkeit und Geselligkeit merklich ab, meist in Folge der An-fechtungen, die er aus theologischem Gebiete erfuhr. Seit Anfang Fcbr. an Engbrüstigkeitgefährlich leidend, erlag er in Braunschwcig am Abend des > 5 . Febr. 1781 einem heftigenAnfalle dieses Übels. Jm J. 1766 wurde ihm auf dem Bibliothekplatz zu Wolfcnbütteldurch einigeFreunde ein einfaches Denkmal errichtet; in seiner Vaterstadt erhält seit 1826ein „Barmherzigkeitsstift" sein Andenken. Seine „Sämmtlichcn Schriften" erschienenzuerst in Berlin 1771—63 (36 Bde.) und sodann daselbst 1823—28 (32 Bde.); einemusterhafte Ausgabe derselben besorgte K. Lachmann (13 Bde-, Berl. 1838 — 36 ); nichtalle Werke enthält die neueste Ausgabe (16 Bde., Lp;. 1832 ).
L.'s Verdienste in fast allen Zweigen geistiger Thätigkeit sind ganz unberechen-bar, und wenn sie jetzt zum Thcil weniger in die Augen fallen, so ist dies nur einBeweis ihrer Größe mehr, indem das Meiste, was er angeregt, bereits zum geistigenGemeingut aller Gebildeten geworden ist. Obgleich kein eigentlich dichterischer Ge-nius, wie er selbst am bestimmtesten ausgesprochen, hat er doch umfassender als ir-gend einer seiner Zeitgenossen für die Wiederherstellung der deutschen Dichtung ge-wirkt. Seine frühcru Dramen und kleinern Gedichte stehen freilich auf dem Stand-punkte ihrer Zeit, doch auch sie weisen schon auf ein höheres Ziel hin. Als entschiedeneMuster aber wirkten seine vier genannten großenDramen, die, frei von der Unwahrheit undunnatürlichen Negelrcchtigkeit der franz. Dramen, Freiheit der Form mit einer bis dahinungcahneten Tiefe desJnhalts verbinden. In „Miß Sara Sampson" und „Emilie Ealotti"sind besonders sittliche, in „Minna von Barnhelm" vaterländische, im „Nathan" religiöseGrundgedanken wirksam. Würdig stehen diesen Leistungen zur Seite seine kritischen Werkeüber Dichtkunst, vor Allem die „Dramaturgie", dann die Abhandlungen über Fabeln undEpigramme, die zuerst lvicder eine gesunde Methode für derartige Untersuchungen anwcn-deten. Vieles hierher Gehörige ist in seinen andern Werken, namentlich im „Laokovn" zer-streut. Überall dringt L. auf freie Entwickelung des angeborenen Talents, als dessen einzigeFührcrin er die Natur und die aufmerksame Betrachtung wahrhaft großerMuster anerkennt.Aber seine Thätigkeit beschränkte sich nicht hierauf; selbst im Besitz einer unermeßlichenGelehrsamkeit und Belesenheit, war er der Erste, der auf den Mangel an Geist und Lebenin der herkömmlichen Gelehrsamkeit hinwies und seine gelehrten Werke selbst mit demregsten geistigen Leben erfüllte. So hauchte er, hier mit Winckelmann gemeinsam wirkend,der Altcrthumskunde, namentlich der Behandlung der alten Kunst, ein ganz neues Lebenein; so war er einer der Ersten, der sich ernstlich mit den Schätzen der mittelalterlichendeutschen Poesie beschäftigte; so regte er auf theologischem Gebiete ein ganz neues Lebenan und fand,noch nebenher Zeit.,zu den verschiedensten und abgelegensten Untersuchungen,wie z. B. „Über das Alter der Ölmalerei". Systematiker war L. nirgend und so ist z. B.Guhraucr in dem Versuche, ihm ein ganz eignes philosophisches System zuzuschreiben,offenbar zu weit gegangen; als Kritiker aber ist er darin unübertroffen, daß er, bei manchenJrrthümern im Einzelnen, die eine spätere, aufseinen Schultern stehende Zeit leicht ver-bessern konnte, nirgend blos verneinend zu Werke ging, sondern stets zugleich aufbauteoder doch wenigstens die klarsten Fingerzeige zum Aufbauen gab, wodurch seine Schriftennoch für die Gegenwart eine unerschöpfliche Fundgrube geistiger Anregung werden; denndaß er bei dem großen Umfange seiner Thätigkeit fast nichts zum völligen Abschlüsse gebrachtund oft rein fragmentarisch verfuhr, kann einen Tadel nicht begründen. Hierzu kommt beiihm eine wunderbare Vollendung der prosaischen Darstellung, die stets voll Leben undLeichtigkeit auch für die trockensten Gegenstände Interesse erweckt und doch nirgend ober-flächlich über das Wesen der Sachen hinweggeht. Am allerhöchsten aber sieht L. als