694 Leopold H. (deutscher Kaiser)
zurückgab, sondern auch überdies noch Breisach, Freiburg, Kehl, Philippsburg und einigekleinere Festungen än Deutschland abtrat. Den dritten Krieg, den span. Erbfolgekrieg(s.d.), unternahm L. lioi, um seinem zweiten Sohn Karl die Thronfolge von Spanien zuverschaffen, die ihm Ludwig XIV. für seinen Enkel Philipp von Anjou streitig machte. ZnVerbindung mit England, Holland, Preußen und dem Deutschen Reiche, das er gleichfallsin diesen unseligen Privatkrieg seines Hauses verwickelt hatte, siegte zwar L. anfangs durchEugen bei Carpi und Chiari, bald aber wurde der röm. König Joseph am Rhein zurückge-drängt, der Markgraf von Baden in mehren Gefechten geschlagen, Tirol erobert und dieSchlacht bei Höchstädt gegen Villars verloren. Zu gleicher Zeit hatten die Ungarn unterdem Grafen Franz Ragoczi und dem Grafen Carole, durch Ludwig'sXIV. Gesandte gereizt,aufs neue zu drohendem Aufstande sich erhoben und in ihren Eroberungen so glückliche Fort-schritte gemacht, daß sie schon die östr. Lande bedrohten. Bereits fing jedoch L.'s Kriegsglückdurch Marlborough's und Eugen's Siege bei Donauwörth und Höchstädt I7V4 aufs neuean, zu steigen, als er am 5. Mai l705 an der Brustwassersucht zu Wien starb. L. war vonWuchs unansehnlich, der Blick düster und in den letzten Jahren kummervoll, das Gesichtdurch eine große herabhängende Unterlippe entstellt. Mit treuer Gatten- und Vaterliebeund natürlicher Gutherzigkeit vereinigte er eine fast bigote Frömmigkeit und Mildthätigkeitgegen die Armen, aber auch Intoleranz, steife Förmlichkeit und Härte bei Bestrafung po-litischer Vergehungen. Selbst in Wissenschaften und Sprachen so gründlich unterrichtet,daß ihn schwerlich ein Fürst seines Jahrhunderts übertraf, betrieb er die Musik mit Vor-liebe und förderte eifrig die Gründung der Universitäten zu Innsbruck, Olmütz, Halle undBreslau. Den Jesuiten war er als ihr Zögling sehr ergeben und ließ sich von ihnen, sowiefrüher von seinen Ministern leiten, bis durch Lobkowih sein Vertrauen getäuscht wurde,worauf er selbst mit dem Vorsitz im Staatsrath die Leitung der Geschäfte übernahm. Prachtund Üppigkeit waren ihm fremd; einfach, in strenger Zurückgezogenheit, lebte er unter ängst-licher Beobachtung einer unwandelbaren Tagesordnung nach den strengen Gesetzen derspan. Hofetikette, in welcher er sich ganz heimisch fühlte. Aber alle Zweige der Staatsver-waltung kamen bei der grenzenlosen Verzögerung, der alle Sachen, selbst die wichtigsten,unterworfen waren, weil der Kaiser seit Lobkowitz's Abgang Alles selbst entscheiden wollte,in den größten Verfall; nur bei seinen Heeren hatte er das Glück oder Geschick, die rechtenMänner an deren Spitze zu stellen. Er erhob während seiner Negierung l 3 gräfliche Häu-ser in den Reichsfürstenstand, erkheilte ungeachtet vieler Widersprüche dem Hause Braun-schweig-Hannoverdie neunte Kurwürde und erkannte den Kurfürsten vonBrandenburg, Frie-drich, als König an. Unter ihm erhielt der Reichstag immerwährende Dauer, der nun ausder großartigen Form einer Fürstenversammlung zu einem Congresse von Abgesandten ohneMachtäußerung und Entscheidung zusammenschrumpfte. Für sein Haus erwarb er nachdem unerwarteten erblosen Ableben des Erzherzogs Franz Sigmund von Tirol diese Graf-schaft mit einer reichen Baarschaft an Geld, mit welcher er die beiden fehles. FürstenthümerOppeln und Ratibor, welche Ferdinand III. in der bedrängtest«: Zeit des DreißigjährigenKriegs an den König von Polen verpfändet hatte, wieder einlöste. Von seinen drei Ge-mahlinnen hatte er mehre Söhne, von denen ihn zwei, Joseph I., fein Nachfolger, undA arlVI. (s. d.), der 1 7 II Kaiser wurde, überlebten.
Leopold II., deutscher Kaiser, 1790—92, einer der menschenfreundlichsten und wei-sesten Fürsten des östr. Hauses, geb. am 5. Mai 1747, wurde nach seines Vaters, des Kai-sers Franz's I., Tode, 1765, Großherzog von Toscana, welches Land er 25 Jahre lang mitmusterhafter Sorgfalt und Weisheit regierte. Er traf allenthalben die nützlichsten Einrich-tungen, hob die Landwirthschaft, förderte Gewerbe und Handel, verbesserte die Landstraßen,schaffte 1787 die Inquisition ab, legte BefferungShäuser an und wirkte durch sein vortreff-liches Criminalgesetzbuch wohlthätig auf die Sittlichkeit seiner Unterthanen. Früher als seinBruder Joseph, aber behutsamer als dieser, unternahm er Reformen in Kirchensachen. (S.Ricci.) Auch hatte er mit seinem Minister Gianina den vollständigen Entwurf einer re-präsentativen constitntionellen Regierungsverfassung ausgearbeitet, die er Toscana gebenwollte. Der Tod Kaiser Joseph's II. rief ihn in einer Zeit zur Kaiserwürde und auf denThron der östr. Länder, wo die Staatsverhälyusse »ach innen und außen sehr verwickelt wa»