Leopold I. (deutscher Kaiser) 693
ihr Königreich der kaiserlichen Hoheit zu entziehen, mit den Türken angeknüpft hatten, zurechter Zeit noch entdeckt, und es büßten die Grafen Nadasti, Zrini, Frangipani und Tet-tenbach ihre verrätherischen Umtriebe > 67 > mit dem Tode durch Henkershand, allein der er-bitterte Kampf der national-protestantischen Ungarn mit den deutsch-katholischen Anhän-gern des Hauses Ostreich, durch die unzeitige Strenge des Gubernators Kaspar von Am-pringen nur noch mehr gesteigert, dauerte dessenungeachtet fort, bis er 1682 unter GrafEmmerich Tökely in offenen Aufruhr überging. Von den Empörern zu Hülfe gerufen undvon Ludwig XIV. angereizt, stürmten die Türken 1683 mit einem Heere von 200000 M.unter dem Großvezier Kara Mustapha siegend, brennend und mordend durch Ungarn bisvor Wien, das sie vom l 4. Juli bis zum > 2. Sept. belagerten. Während nun Graf Stah-remberg mit der Besatzung und den Bürgern, trotz Hunger und Seuchen, die Stadt tapfervertheidigte, rückte ein von den sächs. und bair. Kurfürsten geführtes Reichsheer und ein26060 M. starkes poln. Corps unter Johann So bi eski (s. d.) zum Entsätze heran, dieim Verein mit den Kaiserlichen unter dem Herzoge Karl von Lothringen am 12. Sept. beiWien am Kalenberge über die Türken einen so entscheidenden Sieg erfochten, daß diese balddarauf Ungarn räumen mußten. Auch in den nachfolgenden Kämpfen war der Kaiser meistglücklich, und als Karl von Lothringen die Türken bei Neuhäusel und nach der Eroberungvon Ofen bei Mohacz 1687 geschlagen und Eugen endlich die wichtige Schlacht bei Zentaan der Theiß am I I. Sept. 1697 gewonnen, folgte am 20. Jan. 1699 der Friede von Kar-lowih, durch welchen Slawonien, Siebenbürgen und das übrige Ungarn in die Hände desKaisers kam. Unterdeß hatten auch die Ungarn selbst, des langen Kriegselendes müde, unddurch die fortdauernd blutigen Maßregeln, unter denen die sogenannte Schlachtbank zuEperies am berüchtigtsten geworden ist, gezwungen, auf dem Reichstage zu Presburg, am3l.Oct. 1687, sich demKaiser unterworfen und gegen das Versprechen, daß alle bisherigenBeschwerden abgestellt werden sollten, in die Verwandlung ihres Wahlkönigreichs in einErbkönigreich des Hauses Ostreich eingewilligt. Nicht so glücklich als den Kampf mit denschon erschlafften Türken bestand L. die mehrfachen, sich immer wieder erneuernden Kriegemit Ludwig XIV. Der erste 1672, von L. und dem Deutschen Reiche in Verbindung mitSpanien und Brandenburg unternommen, um den von Frankreich und England ange-griffenen Holländern beizustehen, wurde anfangs durch Lobkowitz's Einwirkung, trotz derschrecklichen Verwüstungen, die er den deutschen Ländern rechts und links vom Rheine brachte,nur lau geführt, bis endlich nach Entfernung Lobkowitz's, der es mit Ludwig XIV. hielt,Montecuculi die Franzosen 1675 bei Saßbach schlug, über den Rhein drang und sogar inFrankreich selbst einfiel. Aber der Friede von Nimwegen am 5. Febr. 1679 brachte demReiche, statt der gehofften Früchte dieses Sieges, durch L.'s schlaffe Nachgiebigkeit, nur Län-derverlust, namentlich kamen Freiburg im Breisgau und Lothringen in die Hände der Fran-zosen. Nicht zufrieden mit diesen Erwerbungen, suchte Ludwig XIV. neue Gelegenheit, sei-nen Länderdurst an Deutschland zu befriedigen. Nicht nur behielt er viele Städte, die erdem nimwegener Frieden zufolge herausgcben sollte, sondern errichtete auch 1680 zu Metz,Breisach und Besancon sogenannte Neunionskammern, nach deren Ausspruche er vieleFlecken und Städte, ja ganze Grafschaften und Fürstenthümer des Deutschen Reichs, als zuden ihm abgetretenen Städten und Landstrichen einst gehörig, in Besitz nahm. Das Reich,unentschlossen und ohne Thatkraft und L. mit den Türken beschäftigt, waren beiderseits froh,als Ludwig XIV. gegen Überlassung der bisher geraubten Landschaften und Städte, worun-ter auch Strasburg war, einen zwanzigjährigen Stillstand der Neunion verwilligte. Dochschon 1688 begannen die Franzosen unter demVorwande von Erbansprüchen auf die Pfalz»simmernsche Hinterlassenschaft den Krieg aufs neue, rückten unter den abscheulichsten.Be-drückungen, Verheerungen und Mordbrennereien in die Pfalz ein und drangen bis Schwa-ben vor. Da vereinigten sich endlich, auf Wilhelm's von Oranien Anregung, der Kaiser,das Reich, England, Holland, später auch Spanien und Savoyen zu dem sogenannten Coa-litionskricge (1688—97), der an fünf verschiedenen Punkten, am Rhein, in den Nieder-landen, in Italien, an dem Fuße der Pyrenäen und auf dem Meere, für die Deutschen meistglücklich gekämpft wurde und mit dem Frieden zu Ryswijk am 30. Oct. 1697 endigte, inwelchem Ludwig XIV. nicht nur Alles, was er seit 1680 von Deutschland losgerissen hatte.