Druckschrift 
8 (1846) Kaaba bis Ligne
Entstehung
Seite
651
Einzelbild herunterladen
 

651

LeibniH

^ snkstsntmle) zurückzuführcn; oder sic bestehen, wie die organisirten und beseelten Körper,ins Unendliche hin immer wieder aus Organismen, deren jeden Gott besonders hervorge-Lracht hat. Die zusammengesetzten Organismen haben jeder seine mit ihrem Körper ein-mal sür immer verbundene Centralmonade, sodaß es in diesem Sinne keinen eigentlichenTod, sondern nur Umwandlungen der Lebensformen gibt. Einen ursächlichen Zusammen-hang, eine eigentliche Einwirkung einer Monade auf die andere leugnete L. gänzlich, na-mentlich für das Verhältnis zwischen der Seelcnmonas und dem Leibe, sondern daß die Be-wegungen des Körpers den Vorstellungen und Willensacten der Seele entsprechen, undumgekehrt, hat seinen Grund in der von Gottes Macht und Weisheit ein für allemal ange-

§ ordneten (prästabilirten) Harmonie, vermöge deren die Veränderungen der einzelnen Mo-nadcn sich correspondiren, wie der Gang gleichgestellter Uhren. Diese Harmonie dehnte L.so weit aus, daß er behauptete, jede Monade spiegele von ihrem Standpunkte aus, also in-nerhalb mehr oder weniger enger Schranken, das ganze Universum ab. Während er diesekühnen, in ihren Folgen beiweitem nicht hinlänglich genau geprüften Hypothesen meist nurin sehr kurzen Umriffen andeutctc (vgl. vorzüglich „De primae plülosoplnas omenckationaet cle imtione siibstanliao", 1694; „8xstems naiiveuu cle ia nature et cls la commnni-catien cle-, siil-stanee«" nebst den „Lclaircissemeus" dazu, l 695 ; „Alvinnlologie", ge-wöhnlich „Urineipiu piülosoplüso a«l principem kmgelniim" genannt, 1714), war er da-gegen sehr ausführlich, wo es galt, den religiösen Glauben gegen die Einwürfc des Skepti-cismus zu vertheidigcn, wie sie damals namentlich Bayle mit vielem Scharfsinn geltendmachte. Aus diesem Bestreben entstand die Theodicee. Während nämlich Bayle aus demDasein des Übels und des Bösen gegen die Weisheit, Güte und Gerechtigkeit Gottes argu-mentirt, schließt L. umgekehrt: weil Gott allwcise, allgütig und allmächtig ist, muffe angc-> nommen werden, daß die vorliegende Welt unter den unendlich vielen möglichen Welten die! beste sei, weil sie sonst Gott nicht gewählt und hervorgebracht haben würde, und gegen die-* scn Optimismus (s. d.) streite das Übel und das Böse nicht; denn das metaphysischeÜbel gehöre als nothwendige Schranke zu dem Wesen endlicher Dinge; das physische Übelaber und das moralische (das Böse) seien unvermeidliche Folgen davon. Wie sehr übrigensL. auch bereit war, alle theologischen Streitfragen mit einer großen Behutsamkeit und Scho-nung kirchlicher Lehrsätze zu behandeln, so war er doch nicht im geringsten gemeint, die wis-senschaftliche Forschung einem blinden Glauben zum Opfer zu bringen. Philosophie undOffenbarung standen in seinen Augen zwar in keinem unausgleichbaren Widerstreit, abercs waren ihm doch ganz getrennte Gebiete. Die Philosophie als Wissenschaft hielt er fürmöglich, zu demselben Grade von Evidenz zu bringen, wie die Mathematik, und die allge-meine Gültigkeit Dessen, was er „ewige Wahrheiten" nannte, war ihm ganz unabhängigvon dem Wechsel der Meinungen oder irgend einem Willen, selbst dem Gottes; daher übteer an der Lehre der Carkesischen Schule: gewisse Sätze seien deshalb wahr, weil Gott es sogewollt habe, oft eine beißende Kritik. Hierin liegt auch eigentlich sein Gegensatz zu Locke,den er in seinen „i>iniivesiix e.->srüs" mit viel größerer Hochachtung behandelt, als dies vonder neuern spcculativen Philosophie zu geschehen pflegt ; daß Locke alles Wissen auf Er-fahrung und Jnduction gründet und die von aller Erfahrung unabhängige Macht bcgriffs-^ mäßiger Demonstration nicht anerkannte, das konnte L. nicht zngcbcn; der Streit, ob cs„angeborene Begriffe" gebe oder nicht, war dabei nicht das Wesentliche. Besonders frucht-bar hätte L.'s Monadologie sür die Psychologie werden können, wenn er nicht dabei stehengeblieben wäre, nur im Allgemeinen ein Gewicht daraufzu legen, daß die psychischen Zu-stände größtentheils von den „kleinen unmerklichen Vorstellungen" abhängcn, deren wiruns nicht ausdrücklich bewußt werden. Nücksichtlich der Frage über die Freiheit des Willenswar er, gestützt auf den Sah des Widerspruchs und den des zureichenden Grundes, die er fürdie Grundpfeiler aller Philosophie erklärte, ein entschiedener Gegner des indeternünistischenFreiheitsbegriffs und führte seine Ansicht in dem Streite mit dem Engländer Clarke sieg-reich durch. Ethische Begriffe hat er fast nur gelegentlich berührt. Da L. seine eigenthüm-lichsten Gedanken meist nur aphoristisch und fragmentarisch, wie er es gerade für den vor-liegenden Fall am passendsten fand, vorgetragen hatte, so rühren die Versuche, sie in syste-