» 1
648 Leibgediitste Leibniß
Vollkommenheit zu lösen. Der Leibeigene selbst ist an sein Grundstück gebunden und nurmit demselben veräußerlich. Das Gut kann mit allen Seelen verkauft und verpachtet wer-den, nicht aber der Leibeigene ohne das Gut.
Leib.qedinge, Leibgut oder Lcibzucht nennt man im Allgemeinen ein nur fürdas Leben eines Menschen bedungenes Verhältnis eine Nutznießung, Rente u. s. w.; ins-besondere, als Witthu m ((lotitlitiiim, ckoiliure), das einer Witwe nach manchen deutschenParticularrechten und Statuten zustehende Recht, nach ihres Mannes Tode aus dessenLehngütcrn gewisse lebenslängliche Renten, meist die vierfachen Zinsen ihrer eingebrachtenMitgift, zu genießen. Oft wird der Witwe ein Grundstück zum Leibgcdinge angewiesen,wovon sie den Nießbrauch hat.
Leibllitz (Gottfr. Wilh., Freiherr von), einer der größten Gelehrten und scharfsinnig-sten Denker aller Zeiten, wurde am 23. Juni (3. Juli neuen Stils) l 646 zu Leipzig gebe-ren, wo sein Vater Professor der Rechte war. Als Schüler der dasigen Nikolaischule hatteer Jak. Thomasius zum Lehrer, und schon in seinem l 5. Jahre bezog er die Universität.Er hatte die Jurisprudenz als Berufswisscnschaft gewählt, aber frühzeitig zog ihn unterder Masse seiner vielseitigen Studien besonders die Philosophie an, und bereits 1663, nochvor seinem Abgänge auf die Universität zu Jena, schrieb er die von einer genauen Kcnntuißder scholastischen Philosophie zeugende Abhandlung „De principio iixlivickni" (zuerst wie-der herausgegebcn von Guhrauer, Bresl. 1831), in welcher er sich für den Nominalismuserklärte. In Jena wirkte besonders der Unterricht des Philosophen und MathematikersErh. Weigel anregend auf ihn ein; aber obwvl er nach der Rückkehr in seine Vaterstadtdurch die Abhandlungen „8pecimcn clifücnltatis in jure" (1664), „De coixliuoiübus"(1665) und „Vs arte combinatoria" (1666) glänzende Proben seines Scharfsinns undseiner Kenntnisse gegeben hatte, so wurde ihm doch seiner Jugend wegen die juristische Dok-torwürde verweigert. Er verließ deshalb sein Vaterland, um nie dahin zurückzukehren undpromovirtc in Altdorf mit der Abhandlung „De casibus perplex!« in jure" (1666). EineProfessur, welche man ihm dort anbot, lehnte er ab; auch später hatte er nie Neigung zumakademischen Lehramtc. Eine Gesellschaft von Nosenkreuzcrn und Alchymisten, unter welcheer gerieth, konnte ihn nicht lange fesseln. Im I. 1667 lernte er den Baron I. Ehr. vonBoyneb urg (s. d.) kennen, der, früher Minister des Kurfürsten von Mainz, Joh. Phil,von Schönborn, damals in der Zurückgezogenheit lebte. Mit diesem ging er nach Frankfurt,und als derselbe wieder in die Dienste des Kurfürsten trat, arbeitete L. für ihn mehre pu-blicistische Schriften aus; so 1669 bei Boyncburg's Gesandtschaft nach Polen das „bek-ennen cleinonstrationum politicarum pro rege kolonornm elij-eixto" und ebenso, als dieehrgeizigen und herrschsüchtigen Pläne Ludwig's XIV. Deutschland immer mehr bedrohten,das „Bedenken, welchergestalt securitas publica interna et externa und Status praesensim Reiche auf festen Fuß zu stellen". Namentlich nahm er an dem Versuche Theil, Lud-wig's XIV. Ehrgeiz von Deutschland aufÄgypten abzulenkcn und wurde zu diesem Zwecke,angeblich als Führer des jungen von Boyneburg, 1672 nach Paris geschickt, wo er für Lud-wig XIV. das „Consilium ae^ptiacum" schrieb, von welchem man erst 1798 bei dem ZugeNapoleon's nach Ägypten durch einen Engländer Notiz erhielt. Jener politische Plan schei-terte zwar, aber der Äufenthalt in Paris, von wo aus er auch London besuchte, war vondem größten Einflüsse auf L.'s wissenschaftliche Ausbildung. Durch die persönliche Bekannt-schaft mit Huyghcns, Wallis, Boyle, Oldenburg und Newton wurde er namentlich auf tie-fere mathematische Studien geführt, deren glänzendes Resultat die große Erfindung derDifferentialrechnung (s. d.) war. Das Anerbieten, der pariser Akademie alsPcn-sionair beizutreten, schlug er aus, weil es an die Bedingung des Übertritts zum Katholi-cismus geknüpft war; dagegen erhielt er von dem Herzoge von Braunschweig-Lüncburgeine Rathsstelle mit Pension und der Erlaubniß willkürlicher Verlängerung seines Aufent-halts im Auslande. Im I. 1676 folgte er dem Rufe als Bibliothekar und Rath des Her-zogs von Hannover. In Hannover, wo er nun bis an das Ende seines Lebens blieb, cröff-ncte sich ihm ein überaus vielseitiger Geschäftskreis, dem selbst ein solcher Kopf, wie der sei-nige, nicht ohne Zersplitterung seiner Kräfte genügen konnte. So nahm er z. B- an denVerhandlungen des nimwcgenerFriedens durch die Schrift „Caesarimkurstenerii «lejure